Project Gutenberg's Alice's Abenteuer im Wunderland, by Lewis Carroll

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Title: Alice's Abenteuer im Wunderland

Author: Lewis Carroll

Illustrator: John Tenniel

Translator: Antonie Zimmermann

Release Date: February 28, 2007 [EBook #19778]
[This file was first posted on November 13, 2006]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALICE'S ABENTEUER IM WUNDERLAND ***




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[Illustration]


Alice's Abenteuer

im Wunderland

von

Lewis Carroll.

Aus dem Englischen von Antonie Zimmermann.




Mit zweiundvierzig Illustrationen

von

John Tenniel.

Autorisirte Ausgabe.


Leipzig

Johann Friedrich Hartknoch.

Originally published in 1869.




    O schner, goldner Nachmittag,
    Wo Flut und Himmel lacht!
    Von schwacher Kindeshand bewegt,
    Die Ruder pltschern sacht --
    Das Steuer hlt ein Kindesarm
    Und lenket unsre Fahrt.

    So fuhren wir gemchlich hin
    Auf trumerischen Wellen --
    Doch ach! die drei vereinten sich,
    Den mden Freund zu qulen --
    Sie trieben ihn, sie drngten ihn,
    Ein Mhrchen zu erzhlen.

    Die erste gab's Commandowort;
    O schnell, o fange an!
    Und mach' es so, die Zweite bat,
    Da man recht lachen kann!
    Die Dritte lie ihm keine Ruh
    Mit wie? und wo? und wann?

    Jetzt lauschen sie vom Zauberland
    Der wunderbaren Mhr';
    Mit Thier und Vogel sind sie bald
    In freundlichem Verkehr,
    Und fhlen sich so heimisch dort,
    Als ob es Wahrheit wr'. --

    Und jedes Mal, wenn Fantasie
    Dem Freunde ganz versiegt: --
    Das Uebrige ein ander Mal!
    O nein, sie leiden's nicht.
    Es ist ja schon ein ander Mal! --
    So rufen sie vergngt.

    So ward vom schnen Wunderland
    Das Mrchen ausgedacht,
    So langsam Stck fr Stck erzhlt,
    Beplaudert und belacht,
    Und froh, als es zu Ende war,
    Der Weg nach Haus gemacht.

    Alice! o nimm es freundlich an!
    Leg' es mit gt'ger Hand
    Zum Straue, den Erinnerung
    Aus Kindheitstrumen band,
    Gleich welken Blthen, mitgebracht
    Aus liebem, fernen Land.




[Der Verfasser wnscht hiermit seine Anerkennung gegen die Uebersetzerin
auszusprechen, die einige eingestreute Parodien englischer Kinderlieder,
welche der deutschen Jugend unverstndlich gewesen wren, durch
dergleichen von bekannten deutschen Gedichten ersetzt hat. Ebenso sind
fr die oft unbersetzbaren englischen Wortspiele passende deutsche
eingeschoben worden, welche das Buch allein der Gewandtheit der
Uebersetzerin verdankt.]




Inhalt.


1. Hinunter in den Kaninchenbau                   1

2. Der Thrnenpfuhl                              14

3. Caucus-Rennen, und was daraus wird            27

4. Die Wohnung des Kaninchens                    39

5. Guter Rath von einer Raupe                    55

6. Ferkel und Pfeffer                            71

7. Die tolle Theegesellschaft                    88

8. Das Croquetfeld der Knigin                  104

9. Die Geschichte der falschen Schildkrte      121

10. Das Hummerballet                            137

11. Wer hat die Kuchen gestohlen?               150

12. Alice ist die Klgste                       163




[Illustration]




Erstes Kapitel

Hinunter in den Kaninchenbau.


Alice fing an sich zu langweilen; sie sa schon lange bei ihrer
Schwester am Ufer und hatte nichts zu thun. Das Buch, das ihre Schwester
las, gefiel ihr nicht; denn es waren weder Bilder noch Gesprche darin.
Und was ntzen Bcher, dachte Alice, ohne Bilder und Gesprche?

Sie berlegte sich eben, (so gut es ging, denn sie war schlfrig und
dumm von der Hitze,) ob es der Mhe werth sei aufzustehen und
Gnseblmchen zu pflcken, um eine Kette damit zu machen, als pltzlich
ein weies Kaninchen mit rothen Augen dicht an ihr vorbeirannte.

Dies war grade nicht _sehr_ merkwrdig; Alice fand es auch nicht _sehr_
auerordentlich, da sie das Kaninchen sagen hrte: O weh, o weh! Ich
werde zu spt kommen! (Als sie es spter wieder berlegte, fiel ihr
ein, da sie sich darber htte wundern sollen, doch zur Zeit kam es ihr
Alles ganz natrlich vor.) Aber als das Kaninchen _seine Uhr aus der
Westentasche zog_, nach der Zeit sah und eilig fortlief, sprang Alice
auf; denn es war ihr doch noch nie vorgekommen, ein Kaninchen mit einer
Westentasche und eine Uhr darin zu sehen. Vor Neugierde brennend, rannte
sie ihm nach, ber den Grasplatz, und kam noch zur rechten Zeit, um es
in ein groes Loch unter der Hecke schlpfen zu sehen.

Den nchsten Augenblick war sie ihm nach in das Loch hineingesprungen,
ohne zu bedenken, wie in aller Welt sie wieder herauskommen knnte.

Der Eingang zum Kaninchenbau lief erst geradeaus, wie ein Tunnel und
ging dann pltzlich abwrts; ehe Alice noch den Gedanken fassen konnte
sich schnell festzuhalten, fhlte sie schon, da sie fiel, wie es
schien, in einen tiefen, tiefen Brunnen.

Entweder mute der Brunnen sehr tief sein, oder sie fiel sehr langsam;
denn sie hatte Zeit genug, sich beim Fallen umzusehen und sich zu
wundern, was nun wohl geschehen wrde. Zuerst versuchte sie hinunter zu
sehen, um zu wissen wohin sie kme, aber es war zu dunkel etwas zu
erkennen. Da besah sie die Wnde des Brunnens und bemerkte, da sie mit
Kchenschrnken und Bcherbrettern bedeckt waren; hier und da erblickte
sie Landkarten und Bilder, an Haken aufgehngt. Sie nahm im Vorbeifallen
von einem der Bretter ein Tpfchen mit der Aufschrift: _Eingemachte
Apfelsinen_, aber zu ihrem groen Verdru war es leer. Sie wollte es
nicht fallen lassen, aus Furcht Jemand unter sich zu tdten; und es
gelang ihr, es in einen andern Schrank, an dem sie vorbeikam, zu
schieben.

Nun! dachte Alice bei sich, nach einem solchen Fall werde ich mir
nichts daraus machen, wenn ich die Treppe hinunter stolpere. Wie muthig
sie mich zu Haus finden werden! Ich wrde nicht viel Redens machen, wenn
ich selbst von der Dachspitze hinunter fiele! (Was sehr wahrscheinlich
war.)

Hinunter, hinunter, hinunter! Wollte denn der Fall nie endigen? Wie
viele Meilen ich wohl jetzt gefallen bin! sagte sie laut. Ich mu
ungefhr am Mittelpunkt der Erde sein. La sehen: das wren achthundert
und funfzig Meilen, glaube ich -- (denn ihr mt wissen, Alice hatte
dergleichen in der Schule gelernt, und obgleich dies keine _sehr_ gute
Gelegenheit war, ihre Kenntnisse zu zeigen, da Niemand zum Zuhren da
war, so bte sie es sich doch dabei ein) -- ja, das ist ungefhr die
Entfernung; aber zu welchem Lnge- und Breitegrade ich wohl gekommen
sein mag? (Alice hatte nicht den geringsten Begriff, was weder
Lngegrad noch Breitegrad war; doch klangen ihr die Worte groartig und
nett zu sagen.)

Bald fing sie wieder an. Ob ich wohl ganz durch die Erde fallen werde!
Wie komisch das sein wird, bei den Leuten heraus zu kommen, die auf dem
Kopfe gehen! die Antipathien, glaube ich. (Diesmal war es ihr ganz
lieb, da Niemand zuhrte, denn das Wort klang ihr gar nicht recht.)
Aber natrlich werde ich sie fragen mssen, wie das Land heit. Bitte,
liebe Dame, ist dies Neu-Seeland oder Australien? (Und sie versuchte
dabei zu knixen, -- denkt doch, knixen, wenn man durch die Luft fllt!
Knntet ihr das fertig kriegen?) Aber sie werden mich fr ein
unwissendes kleines Mdchen halten, wenn ich frage! Nein, es geht nicht
an zu fragen; vielleicht sehe ich es irgendwo angeschrieben.

Hinunter, hinunter, hinunter! Sie konnte nichts weiter thun, also fing
_Alice_ bald wieder zu sprechen an. _Dinah_ wird mich gewi heut Abend
recht suchen! (_Dinah_ war die Katze.) Ich hoffe, sie werden ihren Napf
Milch zur Theestunde nicht vergessen. _Dinah!_ Mies! ich wollte, du wrest
hier unten bei mir. Mir ist nur bange, es giebt keine Muse in der Luft;
aber du knntest einen Spatzen fangen; die wird es hier in der Luft wohl
geben, glaubst du nicht? Und Katzen fressen doch Spatzen? Hier wurde
Alice etwas schlfrig und redete halb im Traum fort. Fressen Katzen
gern Spatzen? Fressen Katzen gern Spatzen? Fressen Spatzen gern Katzen?
Und da ihr Niemand zu antworten brauchte, so kam es gar nicht darauf
an, wie sie die Frage stellte. Sie fhlte, da sie einschlief und hatte
eben angefangen zu trumen, sie gehe Hand in Hand mit _Dinah_ spazieren,
und frage sie ganz ernsthaft: Nun, _Dinah_, sage die Wahrheit, hast du je
einen Spatzen gefressen? da mit einem Male, plump! plump! kam sie auf
einen Haufen trocknes Laub und Reisig zu liegen, -- und der Fall war aus.

Alice hatte sich gar nicht weh gethan. Sie sprang sogleich auf und sah
in die Hhe; aber es war dunkel ber ihr. Vor ihr lag ein zweiter langer
Gang, und sie konnte noch eben das weie Kaninchen darin entlang laufen
sehen. Es war kein Augenblick zu verlieren: fort rannte Alice wie der
Wind, und hrte es gerade noch sagen, als es um eine Ecke bog: O, Ohren
und Schnurrbart, wie spt es ist! Sie war dicht hinter ihm, aber als
sie um die Ecke bog, da war das Kaninchen nicht mehr zu sehen. Sie
befand sich in einem langen, niedrigen Corridor, der durch eine Reihe
Lampen erleuchtet war, die von der Decke herabhingen.

Zu beiden Seiten des Corridors waren Thren; aber sie waren alle
verschlossen. Alice versuchte jede Thr erst auf einer Seite, dann auf
der andern; endlich ging sie traurig in der Mitte entlang, berlegend,
wie sie je heraus kommen knnte.

Pltzlich stand sie vor einem kleinen dreibeinigen Tische, _ganz von
dickem Glas_. Es war nichts darauf als ein winziges goldenes
Schlsselchen, und _Alice's_ erster Gedanke war, dies mchte zu einer der
Thren des Corridors gehren. Aber ach! entweder waren die Schlsser zu
gro, oder der Schlssel war zu klein; kurz, er pate zu keiner
einzigen. Jedoch, als sie das zweite Mal herum ging, kam sie an einen
niedrigen Vorhang, den sie vorher nicht bemerkt hatte, und dahinter war
eine Thr, ungefhr funfzehn Zoll hoch. Sie steckte das goldene
Schlsselchen in's Schlsselloch, und zu ihrer groen Freude pate es.

Alice schlo die Thr auf und fand, da sie zu einem kleinen Gange
fhrte, nicht viel grer als ein Museloch. Sie kniete nieder und sah
durch den Gang in den reizendsten Garten, den man sich denken kann. Wie
wnschte sie, aus dem dunkeln Corridor zu gelangen, und unter den bunten
Blumenbeeten und khlen Springbrunnen umher zu wandern; aber sie konnte
kaum den Kopf durch den Eingang stecken. Und wenn auch mein Kopf
hindurch ginge, dachte die arme Alice, was wrde es ntzen ohne die
Schultern. O, ich mchte mich zusammenschieben knnen wie ein Teleskop!
Das geht gewi, wenn ich nur wte, wie man es anfngt. Denn es war
krzlich so viel Merkwrdiges mit ihr vorgegangen, da Alice anfing zu
glauben, es sei fast nichts unmglich.

[Illustration]

Es schien ihr ganz unntz, lnger bei der kleinen Thr zu warten. Daher
ging sie zum Tisch zurck, halb und halb hoffend, sie wrde noch einen
Schlssel darauf finden, oder jedenfalls ein Buch mit Anweisungen, wie
man sich als Teleskop zusammenschieben knne. Diesmal fand sie ein
Flschchen darauf. Das gewi vorhin nicht hier stand, sagte Alice; und
um den Hals des Flschchens war ein Zettel gebunden, mit den Worten
_Trinke mich!_ wunderschn in groen Buchstaben drauf gedruckt.

[Illustration]

Es war bald gesagt, Trinke mich, aber die altkluge kleine Alice wollte
sich damit nicht bereilen. Nein, ich werde erst nachsehen, sprach
sie, ob ein Todtenkopf darauf ist oder nicht. Denn sie hatte mehre
hbsche Geschichten gelesen von Kindern, die sich verbrannt hatten oder
sich von wilden Thieren hatten fressen lassen, und in andere unangenehme
Lagen gerathen waren, nur weil sie nicht an die Warnungen dachten, die
ihre Freunde ihnen gegeben hatten; zum Beispiel, da ein rothglhendes
Eisen brennt, wenn man es anfat; und da wenn man sich mit einem
Messer tief in den Finger schneidet, es gewhnlich blutet. Und sie hatte
nicht vergessen, da wenn man viel aus einer Flasche mit einem
Todtenkopf darauf trinkt, es einem unfehlbar schlecht bekommt.

Diese Flasche jedoch hatte keinen Todtenkopf. Daher wagte Alice zu
kosten; und da es ihr gut schmeckte (es war eigentlich wie ein Gemisch
von Kirschkuchen, Sahnensauce, Ananas, Putenbraten, Naute und Armen
Rittern), so trank sie die Flasche aus.

       *       *       *       *       *

Was fr ein komisches Gefhl! sagte Alice. Ich gehe gewi zu wie ein
Teleskop.

Und so war es in der That: jetzt war sie nur noch zehn Zoll hoch, und
ihr Gesicht leuchtete bei dem Gedanken, da sie nun die rechte Hhe
habe, um durch die kleine Thr in den schnen Garten zu gehen. Doch
erst wartete sie einige Minuten, ob sie noch mehr einschrumpfen werde.
Sie war einigermaen ngstlich; denn es knnte damit aufhren, sagte
Alice zu sich selbst, da ich ganz ausginge, wie ein Licht. Mich
wundert, wie ich dann ausshe? Und sie versuchte sich vorzustellen, wie
die Flamme von einem Lichte aussieht, wenn das Licht ausgeblasen ist;
aber sie konnte sich nicht erinnern, dies je gesehen zu haben.

Nach einer Weile, als sie merkte da weiter nichts geschah, beschlo
sie, gleich in den Garten zu gehen. Aber, arme Alice! als sie an die
Thr kam, hatte sie das goldene Schlsselchen vergessen. Sie ging nach
dem Tische zurck, es zu holen, fand aber, da sie es unmglich
erreichen konnte. Sie sah es ganz deutlich durch das Glas, und sie gab
sich alle Mhe an einem der Tischfe hinauf zu klettern, aber er war zu
glatt; und als sie sich ganz mde gearbeitet hatte, setzte sich das
arme, kleine Ding hin und weinte.

Still, was ntzt es so zu weinen! sagte Alice ganz bse zu sich
selbst; ich rathe dir, den Augenblick aufzuhren! Sie gab sich oft
sehr guten Rath (obgleich sie ihn selten befolgte), und manchmal schalt
sie sich selbst so strenge, da sie sich zum Weinen brachte; und
einmal, erinnerte sie sich, hatte sie versucht sich eine Ohrfeige zu
geben, weil sie im Croquet betrogen hatte, als sie gegen sich selbst
spielte; denn dieses eigenthmliche Kind stellte sehr gern zwei Personen
vor. Aber jetzt hilft es zu nichts, dachte die arme Alice, zu thun
als ob ich zwei verschiedene Personen wre. Ach! es ist ja kaum genug
von mir brig zu _einer_ anstndigen Person!

Bald fiel ihr Auge auf eine kleine Glasbchse, die unter dem Tische lag;
sie ffnete sie und fand einen sehr kleinen Kuchen darin, auf welchem
die Worte _I mich!_ schn in kleinen Rosinen geschrieben standen. Gut,
ich will ihn essen, sagte Alice, und wenn ich davon grer werde, so
kann ich den Schlssel erreichen; wenn ich aber kleiner davon werde, so
kann ich unter der Thr durchkriechen. So, auf jeden Fall, gelange ich
in den Garten, -- es ist mir einerlei wie.

Sie a ein Bichen, und sagte neugierig zu sich selbst: Aufwrts oder
abwrts? Dabei hielt sie die Hand prfend auf ihren Kopf und war ganz
erstaunt zu bemerken, da sie dieselbe Gre behielt. Freilich geschieht
dies gewhnlich, wenn man Kuchen it; aber Alice war schon so an
wunderbare Dinge gewhnt, da es ihr ganz langweilig schien, wenn das
Leben so natrlich fortging.

Sie machte sich also daran, und verzehrte den Kuchen vllig.




Zweites Kapitel.

Der Thrnenpfuhl.


[Illustration]

Verquerer und verquerer! rief Alice. (Sie war so berrascht, da sie
im Augenblick ihre eigene _Sprache ganz verga_.) Jetzt werde ich
auseinander geschoben wie das lngste Teleskop das es je gab! Lebt wohl,
Fe! (Denn als sie auf ihre Fe hinabsah, konnte sie sie kaum mehr zu
Gesicht bekommen, so weit fort waren sie schon.) O meine armen Fchen!
wer euch wohl nun Schuhe und Strmpfe anziehen wird, meine Besten? denn
ich kann es unmglich thun! Ich bin viel zu weit ab, um mich mit euch
abzugeben! ihr mt sehen, wie ihr fertig werdet. Aber gut mu ich zu
ihnen sein, dachte Alice, sonst gehen sie vielleicht nicht, wohin ich
gehen mchte. La mal sehen: ich will ihnen jeden Weihnachten ein Paar
neue Stiefel schenken.

Und sie dachte sich aus, wie sie das anfangen wrde. Sie mssen per
Fracht gehen, dachte sie; wie drollig es sein wird, seinen eignen
Fen ein Geschenk zu schicken! und wie komisch die Adresse aussehen
wird! --

    _An_
      _Alice's rechten Fu, Wohlgeboren,_
        _Futeppich,_
          _nicht weit vom Kamin,_
            _mit Alice's Gren_.

Oh, was fr Unsinn ich schwatze!

Gerade in dem Augenblick stie sie mit dem Kopf an die Decke: sie war in
der That ber neun Fu gro. Und sie nahm sogleich den kleinen goldenen
Schlssel auf und rannte nach der Gartenthr.

Arme Alice! das Hchste was sie thun konnte war, auf der Seite liegend,
mit einem Auge nach dem Garten hinunterzusehen; aber an Durchgehen war
weniger als je zu denken. Sie setzte sich hin und fing wieder an zu
weinen.

Du solltest dich schmen, sagte Alice, solch groes Mdchen (da
hatte sie wohl recht) noch so zu weinen! Hre gleich auf, sage ich
dir! Aber sie weinte trotzdem fort, und vergo Thrnen eimerweise, bis
sich zuletzt ein groer Pfuhl um sie bildete, ungefhr vier Zoll tief
und den halben Corridor lang.

Nach einem Weilchen hrte sie Schritte in der Entfernung und trocknete
schnell ihre Thrnen, um zu sehen wer es sei. Es war das weie
Kaninchen, das prachtvoll geputzt zurckkam, mit einem Paar weien
Handschuhen in einer Hand und einen Fcher in der andern. Es trippelte
in groer Eile entlang vor sich hin redend: Oh! die Herzogin, die
Herzogin! die wird mal auer sich sein, wenn ich sie warten lasse!
Alice war so rathlos, da sie Jeden um Hlfe angerufen htte. Als das
Kaninchen daher in ihre Nhe kam, fing sie mit leiser, schchterner
Stimme an: Bitte, lieber Herr. -- Das Kaninchen fuhr zusammen, lie
die weien Handschuhe und den Fcher fallen und lief davon in die Nacht
hinein, so schnell es konnte.

[Illustration]

Alice nahm den Fcher und die Handschuhe auf, und da der Gang sehr hei
war, fchelte sie sich, whrend sie so zu sich selbst sprach:
Wunderbar! -- wie seltsam heute Alles ist! Und gestern war es ganz wie
gewhnlich. Ob ich wohl in der Nacht umgewechselt worden bin? La mal
sehen: war ich dieselbe, als ich heute frh aufstand? Es kommt mir fast
vor, als htte ich wie eine Vernderung in mir gefhlt. Aber wenn ich
nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: wer in aller Welt bin ich? Ja,
das ist das Rthsel! So ging sie in Gedanken alle Kinder ihres Alters
durch, die sie kannte, um zu sehen, ob sie in eins davon verwandelt
wre.

Ich bin sicherlich nicht Ida, sagte sie, denn die trgt lange Locken,
und mein Haar ist gar nicht lockig; und bestimmt kann ich nicht Clara
sein, denn ich wei eine ganze Menge, und sie, oh! sie wei so sehr
wenig! Auerdem, sie ist sie selbst, und ich bin ich, und, o wie confus
es Alles ist! Ich will versuchen, ob ich noch Alles wei, was ich sonst
wute. La sehen: vier mal fnf ist zwlf, und vier mal sechs ist
dreizehn, und vier mal sieben ist -- o weh! auf die Art komme ich nie
bis zwanzig! Aber, das Einmaleins hat nicht so viel zu sagen; ich will
Geographie nehmen. London ist die Hauptstadt von Paris, und Paris ist
die Hauptstadt von Rom, und Rom -- nein, ich wette, das ist Alles
falsch! Ich mu in Clara verwandelt sein! Ich will doch einmal sehen, ob
ich sagen kann: Bei einem Wirthe -- und sie faltete sie Hnde, als ob
sie ihrer Lehrerin hersagte, und fing an; aber ihre Stimme klang rauh
und ungewohnt, und die Worte kamen nicht wie sonst: --

    Bei einem Wirthe, wunderwild,
    Da war ich jngst zu Gaste,
    Ein Bienennest das war sein Schild
    In einer braunen Tatze.

    Es war der grimme Zottelbr,
    Bei dem ich eingekehret;
    Mit sem Honigseim hat er
    Sich selber wohl genhret!

Das kommt mir gar nicht richtig vor, sagte die arme Alice, und Thrnen
kamen ihr in die Augen, als sie weiter sprach: Ich mu doch Clara sein,
und ich werde in dem alten kleinen Hause wohnen mssen, und beinah keine
Spielsachen zum Spielen haben, und ach! so viel zu lernen! Nein, das
habe ich mir vorgenommen: wenn ich Clara bin, will ich hier unten
bleiben! Es soll ihnen nichts helfen, wenn sie die Kpfe
zusammenstecken und herunter rufen: Komm wieder herauf, Herzchen! Ich
will nur hinauf sehen und sprechen: wer bin ich denn? Sagt mir das erst,
und dann, wenn ich die Person gern bin, will ich kommen; wo nicht, so
will ich hier unten bleiben, bis ich jemand Anderes bin. -- Aber o weh!
schluchzte Alice pltzlich auf, ich wnschte, sie shen herunter! Es
ist mir so langweilig, hier ganz allein zu sein!

Als sie so sprach, sah sie auf ihre Hnde hinab und bemerkte mit
Erstaunen, da sie beim Reden einen von den weien Glacee-Handschuhen
des Kaninchens angezogen hatte. Wie habe ich das nur angefangen?
dachte sie. Ich mu wieder klein geworden sein. Sie stand auf, ging
nach dem Tische, um sich daran zu messen, und fand, da sie noch
ungefhr zwei Fu hoch sei, dabei schrumpfte sie noch zusehends ein: sie
merkte bald, da die Ursache davon der Fcher war, den sie hielt; sie
warf ihn schnell hin, noch zur rechten Zeit, sich vor gnzlichem
Verschwinden zu retten.

Das war glcklich davon gekommen! sagte Alice, sehr erschrocken ber
die pltzliche Vernderung, aber froh, da sie noch existirte; und nun
in den Garten! und sie lief eilig nach der kleinen Thr: aber ach! die
kleine Thr war wieder verschlossen und das goldene Schlsselchen lag
auf dem Glastische wie vorher. Und es ist schlimmer als je, dachte das
arme Kind, denn so klein bin ich noch nie gewesen, nein, nie! Und ich
sage, es ist zu schlecht, ist es!

[Illustration]

Wie sie diese Worte sprach, glitt sie aus, und den nchsten Augenblick,
platsch! fiel sie bis an's Kinn in Salzwasser. Ihr erster Gedanke war,
sie sei in die See gefallen, und in dem Fall kann ich mit der Eisenbahn
zurckreisen, sprach sie bei sich. (Alice war einmal in ihrem Leben an
der See gewesen und war zu dem allgemeinen Schlu gelangt, da wo man
auch an's Seeufer kommt, man eine Anzahl Bademaschinen im Wasser
findet, Kinder, die den Sand mit hlzernen Spaten aufgraben, dann eine
Reihe Wohnhuser und dahinter eine Eisenbahn-Station); doch merkte sie
bald, da sie sich in dem Thrnenpfuhl befand, den sie geweint hatte,
als sie neun Fu hoch war.

Ich wnschte, ich htte nicht so sehr geweint! sagte Alice, als sie
umherschwamm und sich herauszuhelfen suchte; jetzt werde ich wohl dafr
bestraft werden und in meinen eigenen Thrnen ertrinken! Das _wird_
sonderbar sein, das! Aber Alles ist heut so sonderbar.

In dem Augenblicke hrte sie nicht weit davon etwas in dem Pfuhle
pltschern, und sie schwamm danach, zu sehen was es sei: erst glaubte
sie, es msse ein Wallro oder ein Nilpferd sein; dann aber besann sie
sich, wie klein sie jetzt war, und merkte bald, da es nur eine Maus
sei, die wie sie hineingefallen war.

Wrde es wohl etwas ntzen, dachte Alice, diese Maus anzureden? Alles
ist so wunderlich hier unten, da ich glauben mchte, sie kann sprechen;
auf jeden Fall habe ich das Fragen umsonst. Demnach fing sie an: O
Maus, weit du, wie man aus diesem Pfuhle gelangt, ich bin von dem
Herumschwimmen ganz mde, o Maus! (Alice dachte, so wrde eine Maus
richtig angeredet; sie hatte es zwar noch nie gethan, aber sie erinnerte
sich ganz gut, in ihres Bruders lateinischer Grammatik gelesen zu haben
Eine Maus -- einer Maus -- einer Maus -- eine Maus -- o Maus!) Die
Maus sah sie etwas neugierig an und schien ihr mit dem einen Auge zu
blinzeln, aber sie sagte nichts.

Vielleicht versteht sie nicht Englisch, dachte Alice, es ist
vielleicht eine franzsische Maus, die mit Wilhelm dem Eroberer herber
gekommen ist (denn, trotz ihrer Geschichtskennti hatte Alice keinen
ganz klaren Begriff, wie lange irgend ein Ereigni her sei). Sie fing
also wieder an: =O est ma chatte?= was der erste Satz in ihrem
franzsischen Conversationsbuche war. Die Maus sprang hoch auf aus dem
Wasser, und schien vor Angst am ganzen Leibe zu beben. O, ich bitte um
Verzeihung! rief Alice schnell, erschrocken, da sie das arme Thier
verletzt habe. Ich hatte ganz vergessen, da Sie Katzen nicht mgen.

Katzen nicht mgen! schrie die Maus mit kreischender, wthender
Stimme. Wrdest du Katzen mgen, wenn du in meiner Stelle wrest?

[Illustration]

Nein, wohl kaum, sagte Alice in zuredendem Tone: sei nicht mehr bse
darber. Und doch mchte ich dir unsere Katze Dinah zeigen knnen. Ich
glaube, du wrdest Geschmack fr Katzen bekommen, wenn du sie nur sehen
knntest. Sie ist ein so liebes ruhiges Thier, sprach Alice fort, halb
zu sich selbst, wie sie gemthlich im Pfuhle daherschwamm; sie sitzt
und spinnt so nett beim Feuer, leckt sich die Pfoten und wscht sich das
Schnuzchen -- und sie ist so hbsch weich auf dem Scho zu haben -- und
sie ist solch famoser Musefnger -- oh, ich bitte um Verzeihung! sagte
Alice wieder, den diesmal strubte sich das ganze Fell der armen Maus,
und Alice dachte, sie mte sicherlich sehr beleidigt sein. Wir wollen
nicht mehr davon reden, wenn du es nicht gern hast.

Wir, wirklich! entgegnete die Maus, die bis zur Schwanzspitze
zitterte. Als ob ich je ber solchen Gegenstand sprche! Unsere Familie
hat von jeher Katzen verabscheut: hliche, niedrige, gemeine Dinger!
La mich ihren Namen nicht wieder hren!

Nein, gewi nicht! sagte Alice, eifrig bemht, einen andern Gegenstand
der Unterhaltung zu suchen. Magst du -- magst du gern Hunde? Die Maus
antwortete nicht, daher fuhr Alice eifrig fort: Es wohnt ein so
reizender kleiner Hund nicht weit von unserm Hause. Den mchte ich dir
zeigen knnen! Ein kleiner klarugiger Wachtelhund, weit du, ach, mit
solch krausem braunen Fell! Und er apportirt Alles, was man ihm
hinwirft, und er kann aufrecht stehen und um sein Essen betteln, und so
viel Kunststcke -- ich kann mich kaum auf die Hlfte besinnen -- und er
gehrt einem Amtmann, weit du, und er sagt, er ist so ntzlich, er ist
ihm hundert Pfund werth! Er sagt, er vertilgt alle Ratten und -- oh wie
dumm! sagte Alice in reumthigem Tone. Ich frchte, ich habe ihr
wieder weh gethan! Denn die Maus schwamm so schnell sie konnte von ihr
fort und brachte den Pfuhl dadurch in frmliche Bewegung.

Sie rief ihr daher zrtlich nach: Liebes Muschen! Komm wieder zurck,
und wir wollen weder von Katzen noch von Hunden reden, wenn du sie nicht
gern hast! Als die Maus das hrte, wandte sie sich um und schwamm
langsam zu ihr zurck; ihr Gesicht war ganz bla (vor Aerger, dachte
Alice), und sie sagte mit leiser, zitternder Stimme: Komm mit mir an's
Ufer, da will ich dir meine Geschichte erzhlen; dann wirst du
begreifen, warum ich Katzen und Hunde nicht leiden kann.

Es war hohe Zeit sich fortzumachen; denn der Pfuhl begann von allerlei
Vgeln und Gethier zu wimmeln, die hinein gefallen waren: da war eine
Ente und ein Dodo, ein rother Papagei und ein junger Adler, und mehre
andere merkwrdige Geschpfe. Alice fhrte sie an, und die ganze
Gesellschaft schwamm an's Ufer.




[Illustration]




Drittes Kapitel.

Caucus-Rennen und was daraus wird.


Es war in der That eine wunderliche Gesellschaft, die sich am Strande
versammelte -- die Vgel mit triefenden Federn, die brigen Thiere mit
fest anliegendem Fell, Alle durch und durch na, verstimmt und
unbehaglich. --

Die erste Frage war, wie sie sich trocknen knnten: es wurde eine
Berathung darber gehalten, und nach wenigen Minuten kam es Alice
ganz natrlich vor, vertraulich mit ihnen zu schwatzen, als ob sie
sie ihr ganzes Leben gekannt htte. Sie hatte sogar eine lange
Auseinandersetzung mit dem Papagei, der zuletzt brummig wurde und nur
noch sagte: ich bin lter als du und mu es besser wissen; dies wollte
Alice nicht zugeben und fragte nach seinem Alter, und da der Papagei es
durchaus nicht sagen wollte, so blieb die Sache unentschieden.

Endlich rief die Maus, welche eine Person von Gewicht unter ihnen zu
sein schien: Setzt euch, ihr Alle, und hrt mir zu! ich will euch bald
genug trocken machen! Alle setzten sich sogleich in einen groen Kreis
nieder, die Maus in der Mitte. Alice hatte die Augen erwartungsvoll auf
sie gerichtet, denn sie war berzeugt, sie werde sich entsetzlich
erklten, wenn sie nicht sehr bald trocken wrde.

Hm! sagte die Maus mit wichtiger Miene, seid ihr Alle so weit? Es ist
das Trockenste, worauf ich mich besinnen kann. Alle still, wenn ich
bitten darf! -- Wilhelm der Eroberer, dessen Ansprche vom Papste
begnstigt wurden, fand bald Anhang unter den Englndern, die einen
Anfhrer brauchten, und die in jener Zeit sehr an Usurpation und
Eroberungen gewhnt waren. Edwin und Morcar, Grafen von Mercia und
Northumbria --

_Oooh_! ghnte der Papagei und schttelte sich.

Bitte um Verzeihung! sprach die Maus mit gerunzelter Stirne, aber sehr
hflich; bemerkten Sie etwas?

Ich nicht! erwiederte schnell der Papagei.

Es kam mir so vor, sagte die Maus. -- Ich fahre fort: Edwin und
Morcar, Grafen von Mercia und Northumbria, erklrten sich fr ihn; und
selbst Stigand, der patriotische Erzbischof von Canterbury fand es
rathsam --

Fand _was_? unterbrach die Ente.

Fand _es_, antwortete die Maus ziemlich aufgebracht: du wirst doch wohl
wissen, was _es_ bedeutet.

Ich wei sehr wohl, was _es_ bedeutet, wenn _ich_ etwas finde, sagte die
Ente: _es_ ist gewhnlich ein Frosch oder ein Wurm. Die Frage ist, was
fand der Erzbischof?

Die Maus beachtete die Frage nicht, sondern fuhr hastig fort: -- fand
es rathsam, von Edgar Atheling begleitet, Wilhelm entgegen zu gehen und
ihm die Krone anzubieten. Wilhelms Benehmen war zuerst gemigt, aber
die Unverschmtheit der Normannen -- wie steht's jetzt, Liebe? fuhr sie
fort, sich an Alice wendend.

Noch ganz eben so na, sagte Alice schwermthig; es scheint mich gar
nicht trocken zu machen.

In dem Fall, sagte der Dodo feierlich, indem er sich erhob, stelle
ich den Antrag, da die Versammlung sich vertage und zur unmittelbaren
Anwendung von wirksameren Mitteln schreite.

Sprich deutlich! sagte der Adler. Ich verstehe den Sinn von deinen
langen Wrtern nicht, und ich wette, du auch nicht! Und der Adler
bckte sich, um ein Lcheln zu verbergen; einige der andern Vgel
kicherten hrbar.

Was sich sagen wollte, sprach der Dodo in gereiztem Tone, war, da
das beste Mittel uns zu trocknen ein Caucus-Rennen wre.

Was ist ein Caucus-Rennen? sagte Alice, nicht da ihr viel daran lag
es zu wissen; aber der Dodo hatte angehalten, als ob er eine Frage
erwarte, und Niemand anders schien aufgelegt zu reden.

Nun, meinte der Dodo, die beste Art, es zu erklren, ist, es zu
spielen. (Und da ihr vielleicht das Spiel selbst einen
Winter-Nachmittag versuchen mchtet, so will ich erzhlen, wie der Dodo
es anfing.)

Erst bezeichnete er die Bahn, eine Art Kreis (es kommt nicht genau auf
die Form an, sagte er), und dann wurde die ganze Gesellschaft hier und
da auf der Bahn aufgestellt. Es wurde kein eins, zwei drei, fort!
gezhlt, sondern sie fingen an zu laufen wenn es ihnen einfiel, hrten
auf wie es ihnen einfiel, so da es nicht leicht zu entscheiden war,
wann das Rennen zu Ende war. Als sie jedoch ungefhr eine halbe Stunde
gerannt und vollstndig getrocknet waren, rief der Dodo pltzlich: Das
Rennen ist aus! und sie drngten sich um ihn, auer Athem, mit der
Frage: Aber wer hat gewonnen?

Diese Frage konnte der Dodo nicht ohne tiefes Nachdenken beantworten,
und er sa lange mit einem Finger an die Stirn gelegt (die Stellung, in
der ihr meistens Shakespeare in seinen Bildern seht), whrend die
Uebrigen schweigend auf ihn warteten. Endlich sprach der Dodo: Jeder
hat gewonnen, und Alle sollen Preise haben.

Aber wer soll die Preise geben? fragte ein ganzer Chor von Stimmen.

Versteht sich, sie! sagte der Dodo, mit dem Finger auf Alice zeigend,
und sogleich umgab sie die ganze Gesellschaft, Alle durch einander
rufend: Preise Preise!

Alice wute nicht im Geringsten, was da zu thun sei; in ihrer
Verzweiflung fuhr sie mit der Hand in die Tasche und zog eine Schachtel
Zuckerpltzchen hervor (glcklicherweise war das Salzwasser nicht hinein
gedrungen); die vertheilte sie als Preise. Sie reichten gerade herum,
eins fr Jeden.

Aber sie selbst mu auch einen Preis bekommen, wit ihr, sagte die
Maus.

Versteht sich, entgegnete der Dodo ernst. Was hast du noch in der
Tasche? fuhr er zu Alice gewandt fort.

Nur einen Fingerhut, sagte Alice traurig.

Reiche ihn mir herber, versetzte der Dodo. Darauf versammelten sich
wieder Alle um sie, whrend der Dodo ihr den Fingerhut feierlich
berreichte, mit den Worten: Wir bitten, Sie wollen uns gtigst mit der
Annahme dieses eleganten Fingerhutes beehren; und als er diese kurze
Rede beendigt hatte, folgte allgemeines Beifallklatschen.

[Illustration]

Alice fand dies Alles hchst albern; aber die ganze Gesellschaft sah so
ernst aus, da sie sich nicht zu lachen getraute, und da ihr keine
passende Antwort einfiel, verbeugte sie sich einfach und nahm den
Fingerhut ganz ehrbar in Empfang.

Nun muten zunchst die Zuckerpltzchen verzehrt werden, was nicht wenig
Lrm und Verwirrung hervorrief; die groen Vgel nmlich beklagten sich,
da sie nichts schmecken konnten, die kleinen aber verschluckten sich
und muten auf den Rcken geklopft werden. Endlich war auch dies
vollbracht, und Alle setzten sich im Kreis herum und drangen in das
Muslein, noch etwas zu erzhlen.

Du hast mir deine Geschichte versprochen, sagte Alice -- und woher es
kommt, da du K. und H. nicht leiden kannst, fgte sie leise hinzu, um
nur das niedliche Thierchen nicht wieder bse zu machen.

Ach, seufzte das Muslein, ihr macht euch ja aus meinem Erzhlen doch
nichts; ich bin euch mit meiner Geschichte zu langschwnzig und zu
tragisch. Dabei sah sie Alice fragend an.

Langschwnzig! das mu wahr sein! rief Alice und sah nun erst mit
rechter Verwunderung auf den geringelten Schwanz der Maus hinab; aber
wie so tragisch? was trgst du denn? Whrend sie noch darber nachsann,
fing die langschwnzige Erzhlung schon an, folgendergestalt:

                        Filax sprach zu
                            der Maus, die
                                    er traf
                                      in dem
                                        Haus:
                                     Geh' mit
                                    mir vor
                                   Gericht,
                                 da ich
                               dich
                              verklage.
                              Komm und
                               wehr' dich
                                 nicht mehr;
                                  ich mu
                                   haben ein
                                      Verhr,
                                     denn ich
                                       habe
                                    nichts
                                   zu thun
                                  schon
                                 zwei
                                Tage.
                              Sprach die
                             Maus zum
                            Kter:
                           Solch
                             Verhr,
                              lieber Herr,
                                 ohne
                                Richter,
                              ohne
                            Zeugen
                             thut nicht
                                  Noth.
                                 Ich bin
                                Zeuge,
                              ich bin
                             Richter,
                            sprach
                             er schlau
                               und schnitt
                                Gesichter,
                                das Verhr
                                 leite ich
                                      und
                                 verdamme
                                dich
                              zum
                                Tod!

Du pat nicht auf! sagte die Maus strenge zu Alice. Woran denkst du?

Ich bitte um Verzeihung, sagte Alice sehr bescheiden: du warst bis
zur fnften Biegung gekommen, glaube ich?

Mit nichten! sagte die Maus entschieden und sehr rgerlich.

Nichten! rief Alice, die gern neue Bekanntschaften machte, und sah
sich neugierig berall um. O, wo sind sie, deine Nichten? La mich
gehen und sie her holen!

Das werde ich schn bleiben lassen, sagte die Maus, indem sie aufstand
und fortging. Deinen Unsinn kann ich nicht mehr mit anhren!

Ich meinte es nicht bse! entschuldigte sich die arme Alice. Aber du
bist so sehr empfindlich, du!

Das Muslein brummte nur als Antwort.

Bitte, komm wieder, und erzhle deine Geschichte aus! rief Alice ihr
nach; und die Andern wiederholten im Chor: ja bitte! aber das Muschen
schttelte unwillig mit dem Kopfe und ging schnell fort.

Wie schade, da es nicht bleiben wollte! seufzte der Papagei, sobald
es nicht mehr zu sehen war; und eine alte Unke nahm die Gelegenheit
wahr, zu ihrer Tochter zu sagen, Ja, mein Kind! la dir dies eine Lehre
sein, niemals _bler_ Laune zu sein! Halt den Mund, Mama! sagte die
junge Unke, etwas naseweis.

Wahrhaftig, du wrdest die Geduld einer Auster erschpfen!

Ich wnschte, ich htte unsere Dinah hier, das wnschte ich! sagte
Alice laut, ohne Jemand insbesondere anzureden. Sie wrde sie bald
zurckholen!

Und wer ist Dinah, wenn ich fragen darf? sagte der Papagei.

Alice antwortete eifrig, denn sie sprach gar zu gern von ihrem Liebling:
Dinah ist unsere Katze, und sie ist euch so geschickt im Musefangen,
ihr knnt's euch gar nicht denken! Und ach, httet ihr sie nur Vgel
jagen sehen. Ich sage euch, sie frit einen kleinen Vogel, so wie sie
ihn zu Gesicht bekommt.

Diese Mittheilung verursachte groe Aufregung in der Gesellschaft.
Einige der Vgel machten sich augenblicklich davon; eine alte Elster
fing an, sich sorgfltig einzuwickeln, indem sie bemerkte: Ich mu
wirklich nach Hause gehen; die Nachtluft ist nicht gut fr meinen Hals!
und ein Canarienvogel piepte zitternd zu seinen Kleinen, Kommt fort,
Kinder! es ist die hchste Zeit fr euch, zu Bett zu gehen! Unter
verschiedenen Entschuldigungen entfernten sie sich Alle, und Alice war
bald ganz allein.

Htte ich nur Dinah nicht erwhnt! sprach sie bei sich mit betrbtem
Tone. Niemand scheint sie gern zu haben, hier unten, und dabei ist sie
doch die beste Katze von der Welt! Oh, meine liebe Dinah! ob ich dich
wohl je wieder sehen werde! dabei fing die arme Alice von Neuem zu
weinen an, denn sie fhlte sich gar zu einsam und muthlos. Nach einem
Weilchen jedoch hrte sie wieder ein Trappeln von Schritten in der
Entfernung und blickte aufmerksam hin, halb in der Hoffnung, da die
Maus sich besonnen habe und zurckkomme, ihre Geschichte auszuerzhlen.




Viertes Kapitel.

Die Wohnung des Kaninchens.


Es war das weie Kaninchen, das langsam zurckgewandert kam, indem es
sorgfltig beim Gehen umhersah, als ob es etwas verloren htte, und sie
hrte wie es fr sich murmelte: die Herzogin! die Herzogin! Oh, meine
weichen Pfoten! o mein Fell und Knebelbart! Sie wird mich hngen lassen,
so gewi Frettchen Frettchen sind! Wo ich sie kann haben fallen lassen,
begreife ich nicht! Alice errieth augenblicklich, da es den Fcher und
die weien Glaceehandschuhe meinte, und gutmthig genug fing sie an,
danach umher zu suchen, aber sie waren nirgends zu sehen -- Alles schien
seit ihrem Bade in dem Pfuhl verwandelt zu sein, und der groe Corridor
mit dem Glastische und der kleinen Thr war gnzlich verschwunden.

Das Kaninchen erblickte Alice bald, und wie sie berall suchte, rief es
ihr rgerlich zu: Was, Marianne, was hast du hier zu schaffen? Renne
augenblicklich nach Hause, und hole mir ein Paar Handschuhe und einen
Fcher! Schnell, vorwrts! Alice war so erschrocken, da sie schnell in
der angedeuteten Richtung fortlief, ohne ihm zu erklren, da es sich
versehen habe.

Es hlt mich fr sein Hausmdchen, sprach sie bei sich selbst und lief
weiter. Wie es sich wundern wird, wenn es erfhrt, wer ich bin! Aber
ich will ihm lieber seinen Fcher und seine Handschuhe bringen
-- nmlich, wenn ich sie finden kann. Wie sie so sprach, kam sie an ein
nettes kleines Haus, an dessen Thr ein glnzendes Messingschild war mit
dem Namen W. _Kaninchen_ darauf. Sie ging hinein ohne anzuklopfen, lief
die Treppe hinauf, in groer Angst, der wirklichen Marianne zu begegnen
und zum Hause hinausgewiesen zu werden, ehe sie den Fcher und die
Handschuhe gefunden htte.

Wie komisch es ist, sagte Alice bei sich, Besorgungen fr ein
Kaninchen zu machen! Vermuthlich wird mir Dinah nchstens Auftrge
geben! Und sie dachte sich schon aus, wie es Alles kommen wrde:

Frulein Alice! Kommen Sie gleich, es ist Zeit zum Ausgehen fr Sie!
Gleich Kinderfrau! aber ich mu dieses Museloch hier bewachen bis
Dinah wiederkommt, und aufpassen, da die Maus nicht herauskommt. Nur
wrde Dinah, dachte Alice weiter, gewi nicht im Hause bleiben drfen,
wenn sie anfinge, die Leute so zu commandiren.

Mittlerweile war sie in ein sauberes kleines Zimmer gelangt, mit einem
Tisch vor dem Fenster und darauf (wie sie gehofft hatte) ein Fcher und
zwei oder drei Paar winziger weier Glaceehandschuhe; sie nahm den
Fcher und ein Paar Handschuhe und wollte eben das Zimmer verlassen, als
ihr Blick auf ein Flschchen fiel, das bei dem Spiegel stand. Diesmal
war kein Zettel mit den Worten: _Trink mich_ darauf, aber trotzdem zog
sie den Pfropfen heraus und setzte es an die Lippen. Ich wei, _etwas_
Merkwrdiges mu geschehen, sobald ich esse oder trinke; drum will ich
versuchen, was dies Flschchen thut. Ich hoffe, es wird mich wieder
grer machen; denn es ist mir sehr langweilig, solch winzig kleines
Ding zu sein!

Richtig, und zwar schneller, als sie erwartete: ehe sie das Flschchen
halb ausgetrunken hatte fhlte sie, wie ihr Kopf an die Decke stie,
und mute sich rasch bcken, um sich nicht den Hals zu brechen. Sie
stellte die Flasche hin, indem sie zu sich sagte: Das ist ganz genug --
ich hoffe, ich werde nicht weiter wachsen -- ich kann so schon nicht zur
Thre hinaus -- htte ich nur nicht so viel getrunken!

[Illustration]

O weh! es war zu spt, dies zu wnschen. Sie wuchs und wuchs, und mute
sehr bald auf den Fuboden niederknien; den nchsten Augenblick war
selbst dazu nicht Platz genug, sie legte sich nun hin, mit einem
Ellbogen gegen die Thr gestemmt und den andern Arm unter dem Kopfe.
Immer noch wuchs sie, und als letzte Hlfsquelle streckte sie einen Arm
zum Fenster hinaus und einen Fu in den Kamin hinauf, und sprach zu sich
selbst: Nun kann ich nicht mehr thun, was auch geschehen mag. Was _wird_
nur aus mir werden?

Zum Glck fr Alice hatte das Zauberflschchen nun seine volle Wirkung
gehabt, und sie wuchs nicht weiter. Aber es war sehr unbequem, und da
durchaus keine Aussicht war, da sie je wieder aus dem Zimmer hinaus
komme, so war sie natrlich sehr unglcklich.

Es war viel besser zu Hause, dachte die arme Alice, wo man nicht
fortwhrend grer und kleiner wurde, und sich nicht von Musen und
Kaninchen commandiren zu lassen brauchte. Ich wnschte fast, ich wre
nicht in den Kaninchenbau hineingelaufen -- aber -- aber, es ist doch
komisch, diese Art Leben! Ich mchte wohl wissen, _was_ eigentlich mit mir
vorgegangen ist! Wenn ich Mrchen gelesen habe, habe ich immer gedacht,
so etwas kme nie vor, nun bin ich mitten drin in einem! Es sollte ein
Buch von mir geschrieben werden, und wenn ich gro bin, will ich eins
schreiben -- aber ich bin ja jetzt gro, sprach sie betrbt weiter,
wenigstens _hier_ habe ich keinen Platz brig, noch grer zu werden.

Aber, dachte Alice, werde ich denn nie lter werden, als ich jetzt
bin? das ist ein Trost -- nie eine alte Frau zu sein -- aber dann --
immer Aufgaben zu lernen zu haben! Oh, _das_ mchte ich nicht gern!

O, du einfltige Alice, schalt sie sich selbst. Wie kannst du hier
Aufgaben lernen? Sieh doch, es ist kaum Platz genug fr dich, viel
weniger fr irgend ein Schulbuch!

Und so redete sie fort; erst als eine Person, dann die andere, und hatte
so eine lange Unterhaltung mit sich selbst; aber nach einigen Minuten
hrte sie drauen eine Stimme und schwieg still, um zu horchen.

Marianne! Marianne! sagte die Stimme, hole mir gleich meine
Handschuhe! dann kam ein Trappeln von kleinen Fen die Treppe herauf.
Alice wute, da es das Kaninchen war, das sie suchte, und sie zitterte
so sehr, da sie das ganze Haus erschtterte; sie hatte ganz vergessen,
da sie jetzt wohl tausend Mal so gro wie das Kaninchen war und keine
Ursache hatte, sich vor ihm zu frchten.

Jetzt kam das Kaninchen an die Thr und wollte sie aufmachen; da aber
die Thr nach innen aufging und Alice's Ellbogen fest dagegen gestemmt
war, so war es ein vergeblicher Versuch. Alice hrte, wie es zu sich
selbst sprach: dann werde ich herum gehen und zum Fenster
hineinsteigen.

[Illustration]

Das wirst du nicht thun, dachte Alice, und nachdem sie gewartet hatte,
bis sie das Kaninchen dicht unter dem Fenster zu hren glaubte, streckte
sie mit einem Male ihre Hand aus und griff in die Luft. Sie fate zwar
nichts, hrte aber einen schwachen Schrei und einen Fall, dann das
Geklirr von zerbrochenem Glase, woraus sie schlo, da es wahrscheinlich
in ein Gurkenbeet gefallen sei, oder etwas dergleichen.

Demnchst kam eine rgerliche Stimme -- die des Kaninchens -- Pat! Pat!
wo bist du? und dann eine Stimme, die sie noch nicht gehrt hatte: Wo
soll ich sind? ich bin hier! grabe Aepfel aus, Euer Jnaden!

Aepfel ausgraben? so! sagte das Kaninchen rgerlich. Hier! komm und
hilf mir heraus! (Noch mehr Geklirr von Glasscherben.)

Nun sage mir, Pat, was ist das da oben im Fenster?

Wat soll's sind? 's is en Arm, Euer Jnaden! (Er sprach es Arrum
aus.)

Ein Arm, du Esel! Wer hat je einen so groen Arm gesehen? er nimmt ja
das ganze Fenster ein!

Zu dienen, des thut er, Euer Jnaden; aber en Arm is es, und en Arm
bleebt es.

Jedenfalls hat er da nichts zu suchen: geh' und schaffe ihn fort!

Darauf folgte eine lange Pause, whrend welcher Alice sie nur einzelne
Worte flstern hrte, wie: Zu dienen, des scheint mer nich, Euer
Jnaden, jar nich, jar nich! Thu', was ich dir sage, feige Memme!
zuletzt streckte sie die Hand wieder aus und that einen Griff in die
Luft. Diesmal hrte sie ein leises Wimmern und noch mehr Geklirr von
Glasscherben. Wie viel Gurkenbeete da sein mssen! dachte Alice. Mich
soll doch wundern, was sie nun thun werden! Mich zum Fenster hinaus
ziehen? ja, wenn sie das nur knnten! Ich bliebe wahrlich nicht gern
lnger hier!

Sie wartete eine Zeit lang, ohne etwas zu hren; endlich kam ein Rollen
von kleinen Leiterwagen, und ein Lrm von einer Menge Stimmen, alle
durcheinander; sie verstand die Worte: Wo ist die andere Leiter? -- Ich
sollte ja nur eine bringen; Wabbel hat die andere -- Wabbel, bringe sie
her, Junge! -- Lehnt sie hier gegen diese Ecke -- Nein, sie mssen erst
zusammengebunden werden -- sie reichen nicht halb hinauf -- Ach, was
werden sie nicht reichen: seid nicht so umstndlich -- Hier, Wabbel!
fange den Strick -- Wird das Dach auch tragen? -- Nimm dich mit dem losen
Schiefer in Acht -- oh, da fllt er! Kpfe weg! (ein lautes Krachen) --
Wessen Schuld war das? -- Wabbel's, glaube ich -- Wer soll in den
Schornstein steigen? -- Ich nicht, so viel wei ich! Ihr aber doch,
nicht wahr? -- Nicht ich, meiner Treu! -- Wabbel kann hineinsteigen --
Hier, Wabbel! der Herr sagt, du sollst in den Schornstein steigen!

So, also Wabbel soll durch den Schornstein hereinkommen, wirklich?
sagte Alice zu sich selbst. Sie scheinen mir Alles auf Wabbel zu
schieben: ich mchte um Alles nicht an Wabbel's Stelle sein; der Kamin
ist freilich eng, aber etwas werde ich doch wohl mit dem Fue
ausschlagen knnen!

[Illustration]

Sie zog ihren Fu so weit herunter, wie sie konnte, und wartete, bis sie
ein kleines Thier (sie konnte nicht rathen, was fr eine Art es sei) in
dem Schornstein kratzen und klettern hrte; als es dicht ber ihr war,
sprach sie bei sich: Dies ist Wabbel, gab einen krftigen Sto in die
Hhe, und wartete dann der Dinge, die da kommen wrden.

Zuerst hrte sie einen allgemeinen Chor: Da fliegt Wabbel! dann die
Stimme des Kaninchens allein: -- Fangt ihn auf, ihr da bei der Hecke!
darauf Stillschweigen, dann wieder verworrene Stimmen: -- Haltet ihm
den Kopf -- etwas Branntwein -- Ersticke ihn doch nicht -- Wie geht's,
alter Kerl? Was ist dir denn geschehen? erzhle uns Alles!

Zuletzt kam eine kleine schwache, quiekende Stimme (das ist Wabbel,
dachte Alice): Ich wei es ja selbst nicht -- Keinen mehr, danke! Ich
bin schon viel besser -- aber ich bin viel zu aufgeregt, um euch zu
erzhlen -- Ich wei nur, da kommt ein Ding in die Hhe, wie'n
Dosen-Stehauf, und auf fliege ich wie 'ne Rackete!

Ja, das hast du gethan, alter Kerl! sagten die Andern.

Wir mssen das Haus niederbrennen! rief das Kaninchen; da schrie Alice
so laut sie konnte: Wenn ihr das thut, werde ich Dinah ber euch
schicken!

Sogleich entstand tiefes Schweigen, und Alice dachte bei sich: _Was_ sie
wohl jetzt thun werden? Wenn sie Menschenverstand htten, wrden sie das
Dach abreien. Nach einer oder zwei Minuten fingen sie wieder an sich
zu rhren, und Alice hrte das Kaninchen sagen: Eine Karre voll ist vor
der Hand genug.

Eine Karre voll was? dachte Alice; doch blieb sie nicht lange im
Zweifel, denn den nchsten Augenblick kam ein Schauer von kleinen
Kieseln zum Fenster herein geflogen, von denen ein Paar sie gerade in's
Gesicht trafen. Dem will ich ein Ende machen, sagte sie bei sich und
schrie hinaus: Das lat mir geflligst bleiben! worauf wieder tiefe
Stille erfolgte.

Alice bemerkte mit einigem Erstaunen, da die Kiesel sich alle in kleine
Kuchen verwandelten, als sie auf dem Boden lagen, und dies brachte sie
auf einen glnzenden Gedanken. Wenn ich einen von diesen Kuchen esse,
dachte sie, wird es gewi meine Gre verndern; und da ich unmglich
noch mehr wachsen kann, so wird es mich wohl kleiner machen, vermuthe
ich.

Sie schluckte demnach einen kleinen Kuchen herunter, und merkte zu ihrem
Entzcken, da sie sogleich abnahm. Sobald sie klein genug war, um durch
die Thr zu gehen, rannte sie zum Hause hinaus, und fand einen
frmlichen Auflauf von kleinen Thieren und Vgeln davor. Die arme kleine
Eidechse, Wabbel, war in der Mitte, von zwei Meerschweinchen
untersttzt, die ihm etwas aus einer Flasche gaben. Es war ein
allgemeiner Sturm auf Alice, sobald sie sich zeigte; sie lief aber so
schnell sie konnte davon, und kam sicher in ein dichtes Gebsch.

Das Nthigste, was ich nun zu thun habe, sprach Alice bei sich, wie
sie in dem Wldchen umher wanderte, ist, meine richtige Gre zu
erlangen; und das Zweite, den Weg zu dem wunderhbschen Garten zu
finden. Ja, das wird der beste Plan sein.

Es klang freilich wie ein vortrefflicher Plan, und recht nett und
einfach ausgedacht; die einzige Schwierigkeit war, da sie nicht den
geringsten Begriff hatte, wie sie ihn ausfhren sollte; und whrend sie
so ngstlich zwischen den Bumen umherguckte, hrte sie pltzlich ein
scharfes feines Bellen gerade ber ihrem Kopfe und sah eilig auf.

Ein ungeheuer groer junger Hund sah mit seinen hervorstehenden runden
Augen auf sie herab und machte einen schwachen Versuch, eine Pfote
auszustrecken und sie zu berhren. Armes kleines Ding! sagte Alice in
liebkosendem Tone, und sie gab sich alle Mhe, ihm zu pfeifen; dabei
hatte sie aber groe Angst, ob er auch nicht hungrig wre, denn dann
wrde er sie wahrscheinlich auffressen trotz allen Liebkosungen.

[Illustration]

Ohne recht zu wissen was sie that, nahm sie ein Stbchen auf und hielt
es ihm hin; worauf das ungeschickte Thierchen mit allen vier Fen
zugleich in die Hhe sprang, vor Entzcken laut aufbellte, auf das
Stbchen losrannte und that, als wolle es es zerreien; da wich Alice
ihm aus hinter eine groe Distel, um nicht zertreten zu werden; und so
wie sie auf der andern Seite hervorkam, lief der junge Hund wieder auf
das Stbchen los und fiel kopfber in seiner Eile, es zu fangen. Alice,
der es vorkam, als wenn Jemand mit einem Fuhrmannspferde Zeck spielt,
und die jeden Augenblick frchtete, unter seine Fe zu gerathen, lief
wieder hinter die Distel; da machte der junge Hund eine Reihe von kurzen
Anlufen auf das Stbchen, wobei er jedes Mal ein klein wenig vorwrts
und ein gutes Stck zurck rannte und sich heiser bellte, bis er sich
zuletzt mit zum Munde heraushngender Zunge und halb geschlossenen
Augen, ganz auer Athem hinsetzte.

Dies schien Alice eine gute Gelegenheit zu sein, fortzukommen; sie
machte sich also gleich davon, und rannte bis sie ganz mde war und
keine Luft mehr hatte, und bis das Bellen nur noch ganz schwach in der
Ferne zu hren war.

Und doch war es ein lieber kleiner Hund! sagte Alice, indem sie sich
an eine Butterblume lehnte um auszuruhen, und sich mit einem der Bltter
fchelte. Ich htte ihn gern Kunststcke gelehrt, wenn -- wenn ich nur
gro genug dazu gewesen wre! O ja! das htte ich beinah vergessen, ich
mu ja machen, da ich wieder wachse! La sehen -- wie fngt man es doch
an? Ich dchte, ich sollte irgend etwas essen oder trinken; aber die
Frage ist, was?

Das war in der That die Frage. Alice blickte um sich nach allen Blumen
und Grashalmen; aber gar nichts sah aus, als ob es das Rechte sei, das
sie unter den Umstnden essen oder trinken msse. In der Nhe wuchs ein
groer Pilz, ungefhr so hoch wie sie; nachdem sie ihn sich von unten,
von beiden Seiten, rckwrts und vorwrts betrachtet hatte, kam es ihr
in den Sinn zu sehen, was oben darauf sei. Sie stellte sich also auf die
Fuspitzen und guckte ber den Rand des Pilzes, und sogleich begegnete
ihr Blick dem einer groen blauen Raupe, die mit kreuzweise gelegten
Armen da sa und ruhig aus einer groen Huhka rauchte, ohne die
geringste Notiz von ihr noch sonst irgend Etwas zu nehmen.




[Illustration]




Fnftes Kapitel.

Guter Rath von einer Raupe.


Die Raupe und Alice sahen sich eine Zeit lang schweigend an; endlich
nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde und redete sie mit schmachtender,
langsamer Stimme an. Wer bist du? fragte die Raupe.

Das war kein sehr ermuthigender Anfang einer Unterhaltung. Alice
antwortete, etwas befangen: Ich -- ich wei nicht recht, diesen
Augenblick -- vielmehr ich wei, wer ich heut frh war, als ich
aufstand; aber ich glaube, ich mu seitdem ein paar Mal verwechselt
worden sein.

Was meinst du damit? sagte die Raupe strenge. Erklre dich
deutlicher!

Ich kann mich nicht deutlicher erklren, frchte ich, Raupe, sagte
Alice, weil ich nicht ich bin, sehen Sie wohl?

Ich sehe nicht wohl, sagte die Raupe.

Ich kann es wirklich nicht besser ausdrcken, erwiederte Alice sehr
hflich, denn ich kann es selbst nicht begreifen; und wenn man an einem
Tage so oft klein und gro wird, wird man ganz verwirrt.

Nein, das wird man nicht, sagte die Raupe.

Vielleicht haben Sie es noch nicht versucht, sagte Alice, aber wenn
Sie sich in eine Puppe verwandeln werden, das mssen Sie ber kurz oder
lang wie Sie wissen -- und dann in einen Schmetterling, das wird sich
doch komisch anfhlen, nicht wahr?

Durchaus nicht, sagte die Raupe.

Sie fhlen wahrscheinlich anders darin, sagte Alice; so viel wei
ich, da es mir sehr komisch sein wrde.

Dir! sagte die Raupe verchtlich. Wer bist _du_ denn?

Was sie wieder auf den Anfang der Unterhaltung zurckbrachte. Alice war
etwas rgerlich, da die Raupe so sehr kurz angebunden war; sie warf den
Kopf in die Hhe und sprach sehr ernst: Ich dchte, Sie sollten mir
erst sagen, wer _Sie_ sind?

Weshalb? fragte die Raupe.

Das war wieder eine schwierige Frage; und da sich Alice auf keinen guten
Grund besinnen konnte und die Raupe _sehr_ schlechter Laune zu sein
schien, so ging sie ihrer Wege.

Komm zurck! rief ihr die Raupe nach, ich habe dir etwas Wichtiges zu
sagen!

Das klang sehr einladend; Alice kehrte wieder um und kam zu ihr zurck.

Sei nicht empfindlich, sagte die Raupe.

Ist das Alles? fragte Alice, ihren Aerger so gut sie konnte
verbergend.

Nein, sagte die Raupe.

Alice dachte, sie wollte doch warten, da sie sonst nichts zu thun habe,
und vielleicht wrde sie ihr etwas sagen, das der Mhe werth sei. Einige
Minuten lang rauchte die Raupe fort ohne zu reden; aber zuletzt nahm sie
die Huhka wieder aus dem Munde und sprach: Du glaubst also, du bist
verwandelt?

Ich frchte es fast, Raupe, sagte Alice, ich kann Sachen nicht
behalten wie sonst, und ich werde alle zehn Minuten grer oder
kleiner!

Kannst _welche_ Sachen nicht behalten? fragte die Raupe.

Ach, ich habe versucht zu sagen: Bei einem Wirthe &c.; aber es kam ganz
anders! antwortete Alice in niedergeschlagenem Tone.

Sage her: Ihr seid alt, Vater Martin, sagte die Raupe.

Alice faltete die Hnde und fing an: --

[Illustration]

    Ihr seid alt, Vater Martin, so sprach Junker Tropf,
    Euer Haar ist schon lange ganz wei;
    Doch steht ihr so gerne noch auf dem Kopf.
    Macht Euch denn das nicht zu hei?

    Als ich jung war, der Vater zur Antwort gab,
    Da glaubt' ich, fr's Hirn sei's nicht gut;
    Doch seit ich entdeckt, da ich gar keines hab'
    So thu' ich's mit frhlichem Muth.

[Illustration]

    Ihr seid alt, sprach der Sohn, wie vorhin schon gesagt,
    Und geworden ein gar dicker Mann;
    Drum sprecht, wie ihr rcklings den Purzelbaum schlagt.
    Potz tausend! wie fangt ihr's nur an?

    Als ich jung war, der Alte mit Kopfschtteln sagt',
    Da rieb ich die Glieder mir ein
    Mit der Salbe hier, die sie geschmeidig macht.
    Fr zwei Groschen Courant ist sie dein.

[Illustration]

    Ihr seid alt, sprach der Bub', und knnt nicht recht kau'n,
    Und solltet euch nehmen in Acht;
    Doch at ihr die Ganz mit Schnabel und Klau'n;
    Wie habt ihr das nur gemacht?

    Ich war frher Jurist und hab' viel disputirt,
    Besonders mit meiner Frau;
    Das hat so mir die Kinnbacken einexercirt,
    Da ich jetzt noch mit Leichtigkeit kau!

[Illustration]

    Ihr seid alt, sagte der Sohn, und habt nicht viel Witz,
    Und doch seid ihr so geschickt;
    Balancirt einen Aal auf der Nasenspitz'!
    Wie ist euch das nur geglckt?

    Drei Antworten hast du, und damit genug,
    Nun la mich kein Wort mehr hren;
    Du Guck in die Welt thust so berklug,
    Ich werde dich Mores lehren!

Das ist nicht richtig, sagte die Raupe.

Nicht ganz richtig, glaube ich, sagte Alice schchtern; manche Wrter
sind anders gekommen.

Es ist von Anfang bis zu Ende falsch, sagte die Raupe mit
Entschiedenheit, worauf eine Pause von einigen Minuten eintrat.

Die Raupe sprach zuerst wieder.

Wie gro mchtest du gern sein? fragte sie.

Oh, es kommt nicht so genau darauf an, erwiederte Alice schnell; nur
das viele Wechseln ist nicht angenehm, nicht wahr?

Nein, es ist nicht wahr! sagte die Raupe.

Alice antwortete nichts; es war ihr im Leben nicht so viel widersprochen
worden, und sie fhlte, da sie wieder anfing, empfindlich zu werden.

Bist du jetzt zufrieden? sagte die Raupe.

Etwas grer, Frau Raupe, wre ich gern, wenn ich bitten darf, sagte
Alice; drei und einen halben Zoll ist gar zu winzig.

Es ist eine sehr angenehme Gre, finde ich, sagte die Raupe zornig
und richtete sich dabei in die Hhe (sie war gerade drei Zoll hoch).

Aber ich bin nicht daran gewhnt! vertheidigte sich die arme Alice in
weinerlichem Tone. Bei sich dachte sie: Ich wnschte, alle diese
Geschpfe nhmen nicht Alles gleich bel.

Dur wirst es mit der Zeit gewohnt werden, sagte die Raupe, steckte
ihre Huhka in den Mund und fing wieder an zu rauchen.

Diesmal wartete Alice geduldig, bis es ihr gefllig wre zu reden. Nach
zwei oder drei Minuten nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde, ghnte
ein bis zwei Mal und schttelte sich. Dann kam sie von dem Pilze
herunter, kroch in's Gras hinein und bemerkte blos bei'm Weggehen: Die
eine Seite macht dich grer, die andere Seite macht dich kleiner.

Eine Seite wovon? die andere Seite wovon? dachte Alice bei sich.

Von dem Pilz, sagte die Raupe, gerade als wenn sie laut gefragt htte;
und den nchsten Augenblick war sie nicht mehr zu sehen.

Alice blieb ein Weilchen gedankenvoll vor dem Pilze stehen, um ausfindig
zu machen, welches seine beiden Seiten seien; und da er vollkommen rund
war, so fand sie die Frage schwierig zu beantworten. Zuletzt aber
reichte sie mit beiden Armen, so weit sie herum konnte, und brach mit
jeder Hand etwas vom Rande ab.

Nun aber, welches ist das rechte? sprach sie zu sich, und bi ein
wenig von dem Stck in ihrer rechten Hand ab, um die Wirkung
auszuprobiren; den nchsten Augenblick fhlte sie einen heftigen Schmerz
am Kinn, es hatte an ihren Fu angestoen!

Ueber diese pltzliche Verwandlung war sie sehr erschrocken, aber da war
keine Zeit zu verlieren, da sie sehr schnell kleiner wurde; sie machte
sich also gleich daran, etwas von dem andern Stck zu essen. Ihr Kinn
war so dicht an ihren Fu gedrckt, da ihr kaum Platz genug blieb, den
Mund aufzumachen; endlich aber gelang es ihr, ein wenig von dem Stck in
ihrer linken Hand herunter zu schlucken.

       *       *       *       *       *

Ah! endlich ist mein Kopf frei! rief Alice mit Entzcken, das sich
jedoch den nchsten Augenblick in Angst verwandelte, da sie merkte, da
ihre Schultern nirgends zu finden waren: als sie hinunter sah, konnte
sie weiter nichts erblicken, als einen ungeheuer langen Hals, der sich
wie eine Stange aus einem Meer von grnen Blttern erhob, das unter ihr
lag.

Was mag all das grne Zeug sein? sagte Alice. Und wo sind meine
Schultern nur hingekommen? Und ach, meine armen Hnde, wie geht es zu,
da ich euch nicht sehen kann? Sie griff bei diesen Worten um sich,
aber es erfolgte weiter nichts, als eine kleine Bewegung in den
entfernten grnen Blttern.

Da es ihr nicht gelang, die Hnde zu ihrem Kopfe zu erheben, so
versuchte sie, den Kopf zu ihnen hinunter zu bcken, und fand zu ihrem
Entzcken, da sie ihren Hals in allen Richtungen biegen und wenden
konnte, wie eine Schlange. Sie hatte ihn gerade in ein malerisches
Zickzack gewunden und wollte eben in das Blttermeer hinunter tauchen,
das, wie sie sah, durch die Gipfel der Bume gebildet wurde, unter denen
sie noch eben herumgewandert war, als ein lautes Rauschen sie pltzlich
zurckschreckte: eine groe Taube kam ihr in's Gesicht geflogen und
schlug sie heftig mit den Flgeln.

Schlange! kreischte die Taube.

Ich bin _keine_ Schlange! sagte Alice mit Entrstung. La mich in
Ruhe!

Schlange sage ich! wiederholte die Taube, aber mit gedmpfter Stimme,
und fuhr schluchzend fort: Alles habe ich versucht, und nichts ist
ihnen genehm!

Ich wei gar nicht, wovon du redest, sagte Alice.

Baumwurzeln habe ich versucht, Fluufer habe ich versucht, Hecken habe
ich versucht, sprach die Taube weiter, ohne auf sie zu achten; aber
diese Schlangen! Nichts ist ihnen recht!

Alice verstand immer weniger; aber sie dachte, es sei unntz etwas zu
sagen, bis die Taube fertig wre.

Als ob es nicht Mhe genug wre, die Eier auszubrten, sagte die
Taube, da mu ich noch Tag und Nacht den Schlangen aufpassen! Kein Auge
habe ich die letzten drei Wochen zugethan!

Es thut mir sehr leid, da du so viel Verdru gehabt hast, sagte
Alice, die zu verstehen anfing, was sie meinte.

Und gerade da ich mir den hchsten Baum im Walde ausgesucht habe, fuhr
die Taube mit erhobener Stimme fort, und gerade da ich dachte, ich wre
sie endlich los, mssen sie sich sogar noch vom Himmel herunterwinden!
Pfui! Schlange!

Aber ich bin _keine_ Schlange, sage ich dir! rief Alice, ich bin ein --
ich bin ein --

Nun, was bist du denn? fragte die Taube. Ich merke wohl, da du dir
etwas ausdenken willst!

Ich -- ich bin ein kleines Mdchen, sagte Alice etwas unsicher, da sie
an die vielfachen Verwandlungen dachte, die sie den Tag ber schon
durchgemacht hatte.

Eine schne Ausrede, wahrhaftig! sagte die Taube im Tone tiefster
Verachtung. Ich habe mein Lebtag genug kleine Mdchen gesehen, aber nie
eine mit solch einem Hals! Nein, nein! du bist eine Schlange! das kannst
du nicht ablugnen. Du wirst am Ende noch behaupten, da du nie ein Ei
gegessen hast.

Ich _habe_ Eier gegessen, freilich, sagte Alice, die ein sehr
wahrheitsliebendes Kind war; aber kleine Mdchen essen Eier eben so gut
wie Schlangen.

Das glaube ich nicht, sagte die Taube; wenn sie es aber thun, nun
dann sind sie eine Art Schlangen, so viel wei ich.

Das war etwas so Neues fr Alice, da sie ein Paar Minuten ganz still
schwieg; die Taube benutzte die Gelegenheit und fuhr fort: Du suchst
Eier, das wei ich nur zu gut, und was kmmert es mich, ob du ein
kleines Mdchen oder eine Schlange bist?

Aber _mich_ kmmert es sehr, sagte Alice schnell; brigens suche ich
zufllig nicht Eier, und wenn ich es thte, so wrde ich deine nicht
brauchen knnen; ich esse sie nicht gern roh.

Dann mach', da du fortkommst! sagte die Taube verdrielich, indem sie
sich in ihrem Nest wieder zurecht setzte. Alice duckte sich unter die
Bume so gut sie konnte; denn ihr Hals verwickelte sich fortwhrend in
die Zweige, und mehre Male mute sie anhalten und ihn losmachen. Nach
einer Weile fiel es ihr wieder ein, da sie noch die Stckchen Pilz in
den Hnden hatte, und sie machte sich sorgfltig daran, knabberte bald
an dem einen, bald an dem andern, und wurde abwechselnd grer und
kleiner, bis es ihr zuletzt gelang, ihre gewhnliche Gre zu bekommen.

Es war so lange her, da sie auch nur ungefhr ihre richtige Hhe gehabt
hatte, da es ihr erst ganz komisch vorkam; aber nach einigen Minuten
hatte sie sich daran gewhnt und sprach mit sich selbst wie gewhnlich.
Schn, nun ist mein Plan halb ausgefhrt! Wie verwirrt man von dem
vielen Wechseln wird! Ich wei nie, wie ich den nchsten Augenblick
sein werde! Doch jetzt habe ich meine richtige Gre: nun kommt es
darauf an, in den schnen Garten zu gelangen -- wie _kann_ ich das
anstellen? das mchte ich wissen! Wie sie dies sagte, kam sie in eine
Lichtung mit einem Huschen in der Mitte, ungefhr vier Fu hoch. Wer
auch darin wohnen mag, es geht nicht an, da ich so gro wie ich jetzt
bin hineingehe: sie wrden vor Angst nicht wissen wohin! Also knabberte
sie wieder an dem Stckchen in der rechten Hand, und wagte sich nicht an
das Huschen heran, bis sie sich auf neun Zoll herunter gebracht hatte.




Sechstes Kapitel.

Ferkel und Pfeffer.


Noch ein bis zwei Augenblicke stand sie und sah das Huschen an, ohne
recht zu wissen was sie nun thun solle, als pltzlich ein Lackei in
Livree vom Walde her gelaufen kam -- (sie hielt ihn fr einen Lackeien,
weil er Livree trug, sonst, nach seinem Gesichte zu urtheilen, wrde sie
ihn fr einen Fisch angesehen haben) -- und mit den Kncheln laut an die
Thr klopfte. Sie wurde von einem andern Lackeien in Livree geffnet,
der ein rundes Gesicht und groe Augen wie ein Frosch hatte, und beide
Lackeien hatten, wie Alice bemerkte, gepuderte Lockenpercken ber den
ganzen Kopf. Sie war sehr neugierig, was nun geschehen wrde, und
schlich sich etwas nher, um zuzuhren.

[Illustration]

Der Fisch-Lackei fing damit an, einen ungeheuren Brief, beinah so gro
wie er selbst, unter dem Arme hervorzuziehen; diesen berreichte er dem
anderen, in feierlichem Tone sprechend: Fr die Herzogin. Eine
Einladung von der Knigin, Croquet zu spielen. Der Frosch-Lackei
erwiederte in demselben feierlichen Tone, indem er nur die
Aufeinanderfolge der Wrter etwas vernderte: Von der Knigin. Eine
Einladung fr die Herzogin, Croquet zu spielen.

Dann verbeugten sich Beide tief, und ihre Locken verwickelten sich in
einander.

Darber lachte Alice so laut, da sie in das Gebsch zurcklaufen mute,
aus Furcht, sie mchten sie hren, und als sie wieder herausguckte, war
der Fisch-Lackei fort, und der andere sa auf dem Boden bei der Thr und
sah dumm in den Himmel hinauf.

Alice ging furchtsam auf die Thr zu und klopfte.

Es ist durchaus unntz, zu klopfen, sagte der Lackei, und das wegen
zweier Grnde. Erstens weil ich an derselben Seite von der Thr bin wie
du, zweitens, weil sie drinnen einen solchen Lrm machen, da man dich
unmglich hren kann. Und wirklich war ein ganz merkwrdiger Lrm
drinnen, ein fortwhrendes Heulen und Niesen, und von Zeit zu Zeit ein
lautes Krachen, als ob eine Schssel oder ein Kessel zerbrochen wre.

Bitte, sagte Alice, wie soll ich denn hineinkommen?

Es wre etwas Sinn und Verstand darin, anzuklopfen, fuhr der Lackei
fort, ohne auf sie zu hren, wenn wir die Thr zwischen uns htten. Zum
Beispiel, wenn du drinnen wrest, knntest du klopfen, und ich knnte
dich herauslassen, nicht wahr? Er sah die ganze Zeit ber, whrend er
sprach, in den Himmel hinauf, was Alice entschieden sehr unhflich fand.
Aber vielleicht kann er nicht dafr, sagte sie bei sich; seine Augen
sind so hoch oben auf seiner Stirn. Aber jedenfalls knnte er mir
antworten. -- Wie soll ich denn hineinkommen? wiederholte sie laut.

Ich werde hier sitzen, sagte der Lackei, bis morgen --

In diesem Augenblicke ging die Thr auf, und ein groer Teller kam
heraus geflogen, gerade auf den Kopf des Lackeien los; er strich aber
ber seine Nase hin und brach an einem der dahinterstehenden Bume in
Stcke.

-- oder bermorgen, vielleicht, sprach der Lackei in demselben Tone
fort, als ob nichts vorgefallen wre.

Wie soll ich denn hineinkommen? fragte Alice wieder, lauter als
vorher.

Sollst du berhaupt hineinkommen? sagte der Lackei. Das ist die erste
Frage, nicht wahr?

Das war es allerdings; nur lie sich Alice das nicht gern sagen. Es ist
wirklich schrecklich, murmelte sie vor sich hin, wie naseweis alle
diese Geschpfe sind. Es knnte Einen ganz verdreht machen!

Der Lackei schien dies fr eine gute Gelegenheit anzusehen, seine
Bemerkung zu wiederholen, und zwar mit Variationen. Ich werde hier
sitzen, sagte er, ab und an, Tage und Tage lang.

Was soll _ich_ aber thun? fragte Alice.

Was dir gefllig ist, sagte der Lackei, und fing an zu pfeifen.

Es hilft zu nichts, mit ihm zu reden, sagte Alice auer sich, er ist
vollkommen bldsinnig! Sie klinkte die Thr auf und ging hinein.

Die Thr fhrte geradewegs in eine groe Kche, welche von einem Ende
bis zum andern voller Rauch war; in der Mitte sa auf einem dreibeinigen
Schemel die Herzogin, mit einem Wickelkinde auf dem Schoe; die Kchin
stand ber das Feuer gebckt und rhrte in einer groen Kasserole, die
voll Suppe zu sein schien.

In der Suppe ist gewi zu viel Pfeffer! sprach Alice fr sich, so gut
sie vor Niesen konnte.

Es war wenigstens zu viel in der Luft. Sogar die Herzogin nieste hin und
wieder; was das Wickelkind anbelangt, so nieste und schrie es
abwechselnd ohne die geringste Unterbrechung. Die beiden einzigen Wesen
in der Kche, die nicht niesten, waren die Kchin und eine groe Katze,
die vor dem Herde sa und grinste, soda die Mundwinkel bis an die Ohren
reichten.

[Illustration]

Wollen Sie mir gtigst sagen, fragte Alice etwas furchtsam, denn sie
wute nicht recht, ob es sich fr sie schicke zuerst zu sprechen, warum
Ihre Katze so grinst?

Es ist eine Grinse-Katze, sagte die Herzogin, darum! Ferkel!

Das letzte Wort sagte sie mit solcher Heftigkeit, da Alice auffuhr;
aber den nchsten Augenblick sah sie, da es dem Wickelkinde galt, nicht
ihr; sie fate also Muth und redete weiter: --

Ich wute nicht, da Katzen manchmal grinsen; ja ich wute nicht, da
Katzen berhaupt grinsen _knnen_.

Sie knnen es alle, sagte die Herzogin, und die meisten thun es.

Ich kenne keine, die es thut, sagte Alice sehr hflich, da sie ganz
froh war, eine Unterhaltung angeknpft haben.

Du kennst noch nicht viel, sagte die Herzogin, und das ist die
Wahrheit.

Alice gefiel diese Bemerkung gar nicht, und sie dachte daran, welchen
andern Gegenstand der Unterhaltung sie einfhren knnte. Whrend sie
sich auf etwas Passendes besann, nahm die Kchin die Kasserole mit Suppe
vom Feuer und fing sogleich an, Alles was sie erreichen konnte nach der
Herzogin und dem Kinde zu werfen -- die Feuerzange kam zuerst, dann
folgte ein Hagel von Pfannen, Tellern und Schsseln. Die Herzogin
beachtete sie gar nicht, auch wenn sie sie trafen; und das Kind heulte
schon so laut, da es unmglich war zu wissen, ob die Ste ihm weh
thaten oder nicht.

Oh, bitte, nehmen Sie sich in Acht, was Sie thun! rief Alice, die in
wahrer Herzensangst hin und her sprang. Oh, seine liebe kleine Nase!
als eine besonders groe Pfanne dicht daran vorbeifuhr und sie beinah
abstie.

Wenn Jeder nur vor seiner Thr fegen wollte, brummte die Herzogin mit
heiserer Stimme, wrde die Welt sich bedeutend schneller drehen, als
jetzt.

Was kein Vortheil wre, sprach Alice, die sich ber die Gelegenheit
freute, ihre Kenntnisse zu zeigen. Denken Sie nur, wie es Tag und Nacht
in Unordnung bringen wrde! Die Erde braucht doch jetzt vier und zwanzig
Stunden, sich um ihre Achse zu drehen --

Was, du redest von Axt? sagte die Herzogin, Hau' ihr den Kopf ab!

Alice sah sich sehr erschrocken nach der Kchin um, ob sie den Wink
verstehen wrde; aber die Kchin rhrte die Suppe unverwandt und schien
nicht zuzuhren, daher fuhr sie fort: Vier und zwanzig Stunden, glaube
ich; oder sind es zwlf? Ich --

Ach, la mich in Frieden, sagte die Herzogin, ich habe Zahlen nie
ausstehen knnen! Und damit fing sie an, ihr Kind zu warten und eine
Art Wiegenlied dazu zu singen, wovon jede Reihe mit einem derben Puffe
fr das Kind endigte: --

    Schilt deinen kleinen Jungen aus,
    Und schlag' ihn, wenn er niest;
    Er macht es gar so bunt und kraus,
    Nur weil es uns verdriet.

_Chor_

(in welchen die Kchin und das Wickelkind einfielen).

    Wau! wau! wau!

Whrend die Herzogin den zweiten Vers des Liedes sang, schaukelte sie
das Kind so heftig auf und nieder, und das arme kleine Ding schrie so,
da Alice kaum die Worte verstehen konnte: --

    Ich schelte meinen kleinen Wicht,
    Und schlag' ihn, wenn er niest;
    Ich wei, wie gern er Pfeffer riecht,
    Wenn's ihm gefllig ist.

_Chor._

    Wau! wau! wau!

Hier! du kannst ihn ein Weilchen warten, wenn du willst! sagte die
Herzogin zu Alice, indem sie ihr das Kind zuwarf. Ich mu mich zurecht
machen, um mit der Knigin Croquet zu spielen, damit rannte sie aus dem
Zimmer. Die Kchin warf ihr eine Bratpfanne nach; aber sie verfehlte sie
noch eben.

Alice hatte das Kind mit Mhe und Noth aufgefangen, da es ein kleines
unfrmliches Wesen war, das seine Arme und Beinchen nach allen Seiten
ausstreckte, gerade wie ein Seestern, dachte Alice. Das arme kleine
Ding sthnte wie eine Locomotive, als sie es fing, und zog sich zusammen
und streckte sich wieder aus, so da sie es die ersten Paar Minuten nur
eben halten konnte.

Sobald sie aber die rechte Art entdeckt hatte, wie man es tragen mute
(die darin bestand, es zu einer Art Knoten zu drehen, und es dann fest
beim rechten Ohr und linken Fu zu fassen, damit es sich nicht wieder
aufwickeln konnte), brachte sie es in's Freie. Wenn ich dies Kind nicht
mit mir nehme, dachte Alice, so werden sie es in wenigen Tagen
umgebracht haben; wre es nicht Mord, es da zu lassen? Sie sprach die
letzten Worte laut, und das kleine Geschpf grunzte zur Antwort (es
hatte mittlerweile aufgehrt zu niesen). Grunze nicht, sagte Alice;
es pat sich gar nicht fr dich, dich so auszudrcken.

Der Junge grunzte wieder, so da Alice ihm ganz ngstlich in's Gesicht
sah, was ihm eigentlich fehle. Er hatte ohne Zweifel eine _sehr_
hervorstehende Nase, eher eine Schnauze als eine wirkliche Nase; auch
seine Augen wurden entsetzlich klein fr einen kleinen Jungen: Alles
zusammen genommen, gefiel Alice das Aussehen des Kindes gar nicht. Aber
vielleicht hat es nur geweint, dachte sie und sah ihm wieder in die
Augen, ob Thrnen da seien.

Nein, es waren keine Thrnen da. Wenn du ein kleines Ferkel wirst, hre
mal, sagte Alice sehr ernst, so will ich nichts mehr mit dir zu
schaffen haben, das merke dir! Das arme kleine Ding schluchzte (oder
grunzte, es war unmglich, es zu unterscheiden), und dann gingen sie
eine Weile stillschweigend weiter.

Alice fing eben an, sich zu berlegen: Nun, was soll ich mit diesem
Geschpf anfangen, wenn ich es mit nach Hause bringe? als es wieder
grunzte, so laut, da Alice erschrocken nach ihm hinsah. Diesmal konnte
sie sich nicht mehr irren: es war nichts mehr oder weniger als ein
Ferkel, und sie sah, da es hchst lcherlich fr sie wre, es noch
weiter zu tragen.

Sie setzte also das kleine Ding hin und war ganz froh, als sie es ruhig
in den Wald traben sah. Das wre in einigen Jahren ein furchtbar
hliches Kind geworden; aber als Ferkel macht es sich recht nett, finde
ich. Und so dachte sie alle Kinder durch, die sie kannte, die gute
kleine Ferkel abgeben wrden, und sagte gerade fr sich: wenn man nur
die rechten Mittel wte, sie zu verwandeln -- als sie einen Schreck
bekam; die Grinse-Katze sa nmlich wenige Fu von ihr auf einem
Baumzweige.

[Illustration]

Die Katze grinste nur, als sie Alice sah. Sie sieht gutmthig aus,
dachte diese; aber doch hatte sie _sehr_ lange Krallen und eine Menge
Zhne. Alice fhlte wohl, da sie sie rcksichtsvoll behandeln msse.

Grinse-Mies, fing sie etwas ngstlich an, da sie nicht wute, ob ihr
der Name gefallen wrde: jedoch grinste sie noch etwas breiter. Schn,
so weit gefllt es ihr, dachte Alice und sprach weiter: willst du mir
wohl sagen, wenn ich bitten darf, welchen Weg ich hier nehmen mu?

Das hngt zum guten Theil davon ab, wohin du gehen willst, sagte die
Katze.

Es kommt mir nicht darauf an, wohin -- sagte Alice.

Dann kommt es auch nicht darauf an, welchen Weg du nimmst, sagte die
Katze.

-- wenn ich nur _irgendwo_ hinkomme, fgte Alice als Erklrung hinzu.

O, das wirst du ganz gewi, sagte die Katze, wenn du nur lange genug
gehest.

Alice sah, da sie nichts dagegen einwenden konnte; sie versuchte daher
eine andere Frage. Was fr Art Leute wohnen hier in der Nhe?

In _der_ Richtung, sagte die Katze, die rechte Pfote schwenkend, wohnt
ein Hutmacher, und in jener Richtung, die andere Pfote schwenkend,
wohnt ein Faselhase. Besuche welchen du willst: sie sind beide toll.

Aber ich mag nicht zu tollen Leuten gehen, bemerkte Alice.

[Illustration]

Oh, das kannst du nicht ndern, sagte die Katze: wir sind alle toll
hier. Ich bin toll. Du bist toll.

Woher weit du, da ich toll bin? fragte Alice.

Du mut es sein, sagte die Katze, sonst wrest du nicht hergekommen.

Alice fand durchaus nicht, da das ein Beweis sei; sie fragte jedoch
weiter: Und woher weit du, da du toll bist?

Zu allererst, sagte die Katze, ein Hund ist nicht toll. Das giebst du
zu?

Zugestanden! sagte Alice.

Nun, gut, fuhr die Katze fort, nicht wahr ein Hund knurrt, wenn er
bse ist, und wedelt mit dem Schwanze, wenn er sich freut. Ich hingegen
knurre, wenn ich mich freue, und wedle mit dem Schwanze, wenn ich
rgerlich bin. Daher bin ich toll.

Ich nenne es spinnen, nicht knurren, sagte Alice.

Nenne es, wie du willst, sagte die Katze. Spielst du heut Croquet mit
der Knigin?

Ich mchte es sehr gern, sagte Alice, aber ich bin noch nicht
eingeladen worden.

Du wirst mich dort sehen, sagte die Katze und verschwand.

Alice wunderte sich nicht sehr darber; sie war so daran gewhnt, da
sonderbare Dinge geschahen. Whrend sie noch nach der Stelle hinsah, wo
die Katze gesessen hatte, erschien sie pltzlich wieder.

Uebrigens, was ist aus dem Jungen geworden? sagte die Katze. Ich
htte beinah vergessen zu fragen.

[Illustration]

Er ist ein Ferkel geworden, antwortete Alice sehr ruhig, gerade wie
wenn die Katze auf gewhnliche Weise zurckgekommen wre.

Das dachte ich wohl, sagte die Katze und verschwand wieder.

Alice wartete noch etwas, halb und halb erwartend, sie wieder erscheinen
zu sehen; aber sie kam nicht, und ein Paar Minuten nachher ging sie in
der Richtung fort, wo der Faselhase wohnen sollte. Hutmacher habe ich
schon gesehen, sprach sie zu sich, der Faselhase wird viel
interessanter sein. Wie sie so sprach, blickte sie auf, und da sa die
Katze wieder auf einem Baumzweige. Sagtest du Ferkel oder Fcher?
fragte sie. Ich sagte Ferkel, antwortete Alice, und es wre mir sehr
lieb, wenn du nicht immer so schnell erscheinen und verschwinden
wolltest: du machst Einen ganz schwindlig.

Schon gut, sagte die Katze, und diesmal verschwand sie ganz langsam,
wobei sie mit der Schwanzspitze anfing und mit dem Grinsen aufhrte, das
noch einige Zeit sichtbar blieb, nachdem das Uebrige verschwunden war.

Oho, ich habe oft eine Katze ohne Grinsen gesehen, dachte Alice, aber
ein Grinsen ohne Katze! so etwas Merkwrdiges habe ich in meinem Leben
noch nicht gesehen!

Sie brauchte nicht weit zu gehen, so erblickte sie das Haus des
Faselhasen; sie dachte, es msse das rechte Haus sein, weil die
Schornsteine wie Ohren geformt waren, und das Dach war mit Pelz gedeckt.
Es war ein so groes Haus, da, ehe sie sich nher heran wagte, sie ein
wenig von dem Stck Pilz in ihrer linken Hand abknabberte, und sich bis
auf zwei Fu hoch brachte: trotzdem nherte sie sich etwas furchtsam,
fr sich sprechend: Wenn er nur nicht ganz rasend ist! Wre ich doch
lieber zu dem Hutmacher gegangen!




Siebentes Kapitel.

Die tolle Theegesellschaft.


Vor dem Hause stand ein gedeckter Theetisch, an welchem der Faselhase
und der Hutmacher saen; ein Murmelthier sa zwischen ihnen, fest
eingeschlafen, und die beiden Andern benutzten es als Kissen, um ihre
Ellbogen darauf zu sttzen, und redeten ber seinem Kopfe mit einander.
Sehr unbequem fr das Murmelthier, dachte Alice; nun, da es schlft,
wird es sich wohl nichts daraus machen.

Der Tisch war gro, aber die Drei saen dicht zusammengedrngt an einer
Ecke: Kein Platz! Kein Platz! riefen sie aus, sobald sie Alice kommen
sahen. Ueber und ber genug Platz! sagte Alice unwillig und setzte
sich in einen groen Armstuhl am Ende des Tisches.

Ist dir etwas Wein gefllig? nthigte sie der Faselhase.

Alice sah sich auf dem ganzen Tische um, aber es war nichts als Thee
darauf. Ich sehe keinen Wein, bemerkte sie.

Es ist keiner hier, sagte der Faselhase.

Dann war es gar nicht hflich von dir, mir welchen anzubieten, sagte
Alice rgerlich.

Es war gar nicht hflich von dir, dich ungebeten herzusetzen, sagte
der Faselhase.

Ich wute nicht, das es _dein_ Tisch ist; er ist fr viel mehr als drei
gedeckt.

Dein Haar mu verschnitten werden, sagte der Hutmacher. Er hatte Alice
eine Zeit lang mit groer Neugierde angesehen, und dies waren seine
ersten Worte.

Du solltest keine persnlichen Bemerkungen machen, sagte Alice mit
einer gewissen Strenge, es ist sehr grob.

Der Hutmacher ri die Augen weit auf, als er dies hrte; aber er sagte
weiter nichts als: Warum ist ein Rabe wie ein Reitersmann?

Ei, jetzt wird es Spa geben, dachte Alice. Ich bin so froh, da sie
anfangen Rthsel aufzugeben -- Ich glaube, das kann ich rathen, fuhr sie
laut fort.

[Illustration]

Meinst du, da du die Antwort dazu finden kannst? fragte der
Faselhase.

Ja, natrlich, sagte Alice.

Dann solltest du sagen, was du meinst, sprach der Hase weiter.

Das thue ich ja, warf Alice schnell ein, wenigstens -- wenigstens
meine ich, was ich sage -- und das ist dasselbe.

Nicht im Geringsten dasselbe! sagte der Hutmacher. Wie, du knntest
eben so gut behaupten, da ich sehe, was ich esse dasselbe ist wie
ich esse, was ich sehe.

Du knntest auch behaupten, fgte der Faselhase hinzu, ich mag, was
ich kriege sei dasselbe wie ich kriege, was ich mag!

Du knntest eben so gut behaupten, fiel das Murmelthier ein, das im
Schlafe zu sprechen schien, ich athme, wenn ich schlafe sei dasselbe
wie ich schlafe, wenn ich athme!

Es _ist_ dasselbe bei dir, sagte der Hutmacher, und damit endigte die
Unterhaltung, und die Gesellschaft sa einige Minuten schweigend,
whrend Alice Alles durchdachte, was sie je von Raben und Reitersmnnern
gehrt hatte, und das war nicht viel.

Der Hutmacher brach das Schweigen zuerst. Den wievielsten haben wir
heute? sagte er, sich an Alice wendend; er hatte seine Uhr aus der
Tasche genommen, sah sie unruhig an, schttelte sie hin und her und
hielt sie an's Ohr.

Alice besann sich ein wenig und sagte: Den vierten.

Zwei Tage falsch! seufzte der Hutmacher. Ich sagte dir ja, da Butter
das Werk verderben wrde, setzte er hinzu, indem er den Hasen rgerlich
ansah.

Es war die beste Butter, sagte der Faselhase demthig.

Ja, aber es mu etwas Krume mit hinein gerathen sein, brummte der
Hutmacher; du httest sie nicht mit dem Brodmesser hinein thun sollen.

Der Faselhase nahm die Uhr und betrachtete sie trbselig; dann tunkte er
sie in seine Tasse Thee und betrachtete sie wieder, aber es fiel ihm
nichts Besseres ein, als seine erste Bemerkung: Es war wirklich die
beste Butter.

Alice hatte ihm neugierig ber die Schulter gesehen. Was fr eine
komische Uhr! sagte sie. Sie zeigt das Datum, und nicht wie viel Uhr
es ist!

Warum sollte sie? brummte der Hase; zeigt deine Uhr, welches Jahr es
ist?

Natrlich nicht, antwortete Alice schnell, weil es so lange
hintereinander dasselbe Jahr bleibt.

Und so ist es gerade mit meiner, sagte der Hutmacher.

Alice war ganz verwirrt. Die Erklrung des Hutmachers schien ihr gar
keinen Sinn zu haben, und doch waren es deutlich gesprochne Worte. Ich
verstehe dich nicht ganz, sagte sie, so hflich sie konnte.

Das Murmelthier schlft schon wieder, sagte der Hutmacher, und go ihm
etwas heien Thee auf die Nase.

Das Murmelthier schttelte ungeduldig den Kopf und sagte, ohne die Augen
aufzuthun: Freilich, freilich, das wollte ich eben auch bemerken.

Hast du das Rthsel schon gerathen? wandte sich der Hutmacher an
Alice.

Nein, ich gebe es auf, antwortete Alice; was ist die Antwort?

Davon habe ich nicht die leiseste Ahnung, sagte der Hutmacher.

Ich auch nicht, sagte der Faselhase.

Alice seufzte verstimmt. Ich dchte, ihr knntet die Zeit besser
anwenden, sagte sie, als mit Rthseln, die keine Auflsung haben.

Wenn du die Zeit so gut kenntest wie ich, sagte der Hutmacher,
wrdest du nicht davon reden, wie wir sie anwenden, sondern wie sie uns
anwendet.

Ich wei nicht, was du meinst, sagte Alice.

Natrlich kannst du das nicht wissen! sagte der Hutmacher, indem er
den Kopf verchtlich in die Hhe warf. Du hast wahrscheinlich nie mit
der Zeit gesprochen.

Ich glaube kaum, erwiederte Alice vorsichtig; aber Mama sagte
gestern, ich sollte zu meiner kleinen Schwester gehen und ihr die Zeit
vertreiben.

So? das wird sie dir schn bel genommen haben; sie lt sich nicht
gern vertreiben. Aber wenn man gut mit ihr steht, so thut sie Einem
beinah Alles zu Gefallen mit der Uhr. Zum Beispiel, nimm den Fall, es
wre 9 Uhr Morgens, gerade Zeit, deine Stunden anzufangen, du brauchtest
der Zeit nur den kleinsten Wink zu geben, schnurr! geht die Uhr herum,
ehe du dich's versiehst! halb Zwei, Essenszeit!

(Ich wnschte, das wre es! sagte der Faselhase leise fr sich.)

Das wre wirklich famos, sagte Alice gedankenvoll, aber dann wrde
ich nicht hungrig genug sein, nicht wahr?

Zuerst vielleicht nicht, antwortete der Hutmacher, aber es wrde so
lange halb Zwei bleiben, wie du wolltest.

So macht ihr es wohl hier? fragte Alice.

Der Hutmacher schttelte traurig den Kopf. Ich nicht! sprach er. Wir
haben uns vorige Ostern entzweit -- kurz ehe er toll wurde, du weit
doch (mit seinem Theelffel auf den Faselhasen zeigend) -- es war in dem
groen Concert, das die Coeur-Knigin gab; ich mute singen:

[Illustration]

    O Papagei, o Papagei!
    Wie grn sind deine Federn!

Vielleicht kennst du das Lied?

Ich habe etwas dergleichen gehrt, sage Alice.

Es geht weiter, fuhr der Hutmacher fort:

    Du grnst nicht nur zur Friedenszeit,
    Auch wenn es Teller und Tpfe schneit.
    O Papagei, o Papagei --

Hier schttelte sich das Murmelthier und fing an im Schlaf zu singen: O
Papagei, o Mamagei, o Papagei, o Mamagei -- in einem fort, so da sie
es zuletzt kneifen muten, damit es nur aufhre.

Denke dir, ich hatte kaum den ersten Vers fertig, sagte der Hutmacher,
als die Knigin ausrief: Abscheulich! der Mensch schlgt geradezu die
Zeit todt mit seinem Geplrre. Aufgehngt soll er werden!

Wie furchtbar grausam! rief Alice.

Und seitdem, sprach der Hutmacher traurig weiter, hat sie mir nie
etwas zu Gefallen thun wollen, die Zeit! Es ist nun immer sechs Uhr!

Dies brachte Alice auf einen klugen Gedanken. Darum sind wohl so viele
Tassen hier herumgestellt? fragte sie.

Ja, darum, sagte der Hutmacher mit einem Seufzer, es ist immer
Theestunde, und wir haben keine Zeit, die Tassen dazwischen
aufzuwaschen.

Dann rckt ihr wohl herum? sagte Alice.

So ist es, sagte der Hutmacher, wenn die Tassen genug gebraucht
sind.

Aber wenn ihr wieder an den Anfang kommt? unterstand sich Alice zu
fragen.

Wir wollen jetzt von etwas Anderem reden, unterbrach sie der Faselhase
ghnend, dieser Gegenstand ist mir nachgerade langweilig. Ich schlage
vor, die junge Dame erzhlt eine Geschichte.

O, ich wei leider keine, rief Alice, ganz bestrzt ber diese
Zumuthung.

Dann soll das Murmelthier erzhlen! riefen beide; wache auf,
Murmelthier! dabei kniffen sie es von beiden Seiten zugleich.

Das Murmelthier machte langsam die Augen auf. Ich habe nicht
geschlafen, sagte es mit heiserer, schwacher Stimme, ich habe jedes
Wort gehrt, das ihr Jungen gesagt habt.

Erzhle uns eine Geschichte! sagte der Faselhase.

Ach ja, sei so gut! bat Alice.

Und mach schnell, fgte der Hutmacher hinzu, sonst schlfst du ein,
ehe sie zu Ende ist.

Es waren einmal drei kleine Schwestern, fing das Murmelthier eilig an,
die hieen Else, Lacie und Tillie, und sie lebten tief unten in einem
Brunnen --

Wovon lebten sie? fragte Alice, die sich immer fr Essen und Trinken
sehr interessirte.

Sie lebten von Syrup, versetzte das Murmelthier, nachdem es sich eine
Minute besonnen hatte.

Das konnten sie ja aber nicht, bemerkte Alice schchtern, da wren
sie ja krank geworden.

Das wurden sie auch, sagte das Murmelthier, sehr krank.

Alice versuchte es sich vorzustellen, wie eine so auergewhnliche Art
zu leben wohl sein mchte; aber es kam ihr zu kurios vor, sie mute
wieder fragen: Aber warum lebten sie unten in dem Brunnen?

Willst du nicht ein wenig mehr Thee? sagte der Faselhase sehr
ernsthaft zu Alice.

Ein wenig mehr? ich habe noch keinen gehabt, antwortete Alice etwas
empfindlich, also kann ich nicht noch _mehr_ trinken.

Du meinst, du kannst nicht _weniger_ trinken, sagte der Hutmacher: es
ist sehr leicht, _mehr_ als keinen zu trinken.

Niemand hat dich um deine Meinung gefragt, sagte Alice.

Wer macht denn nun persnliche Bemerkungen? rief der Hutmacher
triumphirend.

Alice wute nicht recht, was sie darauf antworten sollte; sie nahm sich
daher etwas Thee und Butterbrot, und dann wandte sie sich an das
Murmelthier und wiederholte ihre Frage: Warum lebten sie in einem
Brunnen?

Das Murmelthier besann sich einen Augenblick und sagte dann: Es war ein
Syrup-Brunnen.

Den giebt es nicht! fing Alice sehr rgerlich an; aber der Hutmacher
und Faselhase machten beide: Sch, sch! und das Murmelthier bemerkte
brummend: Wenn du nicht hflich sein kannst, kannst du die Geschichte
selber auserzhlen.

Nein, bitte, erzhle weiter! sagte Alice ganz bescheiden; ich will
dich nicht wieder unterbrechen. Es wird wohl _einen_ geben.

_Einen_, wirklich! sagte das Murmelthier entrstet. Doch lie es sich
zum Weitererzhlen bewegen. Also die drei kleinen Schwestern -- sie
lernten zeichnen, mt ihr wissen --

Was zeichneten sie? sagte Alice, ihr Versprechen ganz vergessend.

Syrup, sagte das Murmelthier, diesmal ganz ohne zu berlegen.

Ich brauche eine reine Tasse, unterbrach der Hutmacher, wir wollen
Alle einen Platz rcken.

Er rckte, wie er das sagte, und das Murmelthier folgte ihm; der
Faselhase rckte an den Platz des Murmelthiers, und Alice nahm, obgleich
etwas ungern, den Platz des Faselhasen ein. Der Hutmacher war der
Einzige, der Vortheil von diesem Wechsel hatte, und Alice hatte es viel
schlimmer als zuvor, da der Faselhase eben den Milchtopf ber seinen
Teller umgestoen hatte.

Alice wollte das Murmelthier nicht wieder beleidigen und fing daher sehr
vorsichtig an: Aber ich verstehe nicht. Wie konnten sie den Syrup
zeichnen?

Als ob nicht aller Syrup gezeichnet wre, den man vom Kaufmann holt,
sagte der Hutmacher; hast du nicht immer darauf gesehen: feinste
Qualitt, allerfeinste Qualitt, superfeine Qualitt -- oh, du kleiner
Dummkopf?

Wie gesagt, fuhr das Murmelthier fort, lernten sie zeichnen; hier
ghnte es und rieb sich die Augen, denn es fing an, sehr schlfrig zu
werden; und sie zeichneten Allerlei -- Alles was mit M. anfngt --

Warum mit M? fragte Alice.

Warum nicht? sagte der Faselhase.

Alice war still.

Das Murmelthier hatte mittlerweile die Augen zugemacht, und war halb
eingeschlafen; da aber der Hutmacher es zwickte, wachte es mit einem
leisen Schrei auf und sprach weiter: -- was mit M anfngt, wie
Mausefallen, den Mond, Mangel und manches Mal -- ihr wit, man sagt: ich
habe das _manches liebe_ Mal gethan -- hast du je manches liebe _Mal_
gezeichnet gesehen?

Wirklich, da du mich selbst fragst, sagte Alice ganz verwirrt, ich
denke kaum --

Dann solltest du auch nicht reden, sagte der Hutmacher.

Dies war nachgerade zu grob fr Alice: sie stand ganz beleidigt auf und
ging fort; das Murmelthier schlief augenblicklich wieder ein, und die
beiden Andern beachteten ihr Fortgehen nicht, obgleich sie sich ein paar
Mal umsah, halb in der Hoffnung, da sie sie zurckrufen wrden. Als sie
sie zuletzt sah, versuchten sie das Murmelthier in die Theekanne zu
stecken.

Auf keinen Fall will ich _da_ je wieder hingehen! sagte Alice, whrend
sie sich einen Weg durch den Wald suchte. Es ist die dmmste
Theegesellschaft, in der ich in meinem ganzen Leben war!

[Illustration]

Gerade wie sie so sprach, bemerkte sie, da einer der Bume eine kleine
Thr hatte. Das ist hchst komisch! dachte sie. Aber Alles ist heute
komisch! Ich will lieber gleich hinein gehen.

Wie gesagt, so gethan: und sie befand sich wieder in dem langen
Corridor, und dicht bei dem kleinen Glastische. Diesmal will ich es
gescheidter anfangen, sagte sie zu sich selbst, nahm das goldne
Schlsselchen und schlo die Thr auf, die in den Garten fhrte. Sie
machte sich daran, an dem Pilz zu knabbern (sie hatte ein Stckchen in
ihrer Tasche behalten), bis sie ungefhr einen Fu hoch war, dann ging
sie den kleinen Gang hinunter; und dann -- war sie endlich in dem
schnen Garten, unter den prunkenden Blumenbeeten und khlen
Springbrunnen.




Achtes Kapitel.

Das Croquetfeld der Knigin.


Ein groer hochstmmiger Rosenstrauch stand nahe bei'm Eingang; die
Rosen, die darauf wuchsen, waren wei, aber drei Grtner waren damit
beschftigt, sie roth zu malen. Alice kam dies wunderbar vor, und da sie
nher hinzutrat, um ihnen zuzusehen, hrte sie einen von ihnen sagen:
Nimm dich in Acht, Fnf! Bespritze mich nicht so mit Farbe!

Ich konnte nicht dafr, sagte Fnf in verdrielichem Tone; Sieben hat
mich an den Ellbogen gestoen.

Worauf Sieben aufsah und sagte: Recht so, Fnf! Schiebe immer die
Schuld auf andre Leute!

Du sei nur ganz still! sagte Fnf. Gestern erst hrte ich die Knigin
sagen, du verdientest gekpft zu werden!

Wofr? fragte der, welcher zuerst gesprochen hatte.

Das geht _dich_ nichts an, Zwei! sagte Sieben.

Ja, es _geht_ ihn an! sagte Fnf, und ich werde es ihm sagen -- dafr,
da er dem Koch Tulpenzwiebeln statt Kchenzwiebeln gebracht hat.

[Illustration]

Sieben warf seinen Pinsel hin und hatte eben angefangen: Ist je eine
ungerechtere Anschuldigung -- als sein Auge zufllig auf Alice fiel,
die ihnen zuhrte; er hielt pltzlich inne, die andern sahen sich auch
um, und sie verbeugten sich Alle tief.

Wollen Sie so gut sein, mir zu sagen, sprach Alice etwas furchtsam,
warum Sie diese Rosen malen?

Fnf und Sieben antworteten nichts, sahen aber Zwei an. Zwei fing mit
leiser Stimme an: Die Wahrheit zu gestehen, Frulein, dies htte hier
ein _rother_ Rosenstrauch sein sollen, und wir haben aus Versehen einen
weien gepflanzt, und wenn die Knigin es gewahr wrde, wrden wir Alle
gekpft werden, mssen Sie wissen. So, sehen Sie Frulein, versuchen
wir, so gut es geht, ehe sie kommt -- In dem Augenblick rief Fnf, der
ngstlich tiefer in den Garten hinein gesehen hatte: Die Knigin! die
Knigin! und die drei Grtner warfen sich sogleich flach auf's Gesicht.
Es entstand ein Gerusch von vielen Schritten, und Alice blickte
neugierig hin, die Knigin zu sehen.

Zuerst kamen zehn Soldaten, mit Keulen bewaffnet, sie hatten alle
dieselbe Gestalt wie die Grtner, rechteckig und flach, und an den vier
Ecken die Hnde und Fe; danach kamen zehn Herren vom Hofe, sie waren
ber und ber mit Diamanten bedeckt und gingen paarweise, wie die
Soldaten. Nach diesen kamen die kniglichen Kinder, es waren ihrer zehn,
und die lieben Kleinen kamen lustig gesprungen Hand in Hand, paarweise,
sie waren ganz mit Herzen geschmckt. Darauf kamen die Gste, meist
Knige und Kniginnen, und unter ihnen erkannte Alice das weie
Kaninchen; es unterhielt sich in etwas eiliger und aufgeregter Weise,
lchelte bei Allem, was gesagt wurde und ging vorbei, ohne sie zu
bemerken. Darauf folgte der Coeur-Bube, der die knigliche Krone auf
einem rothen Sammetkissen trug, und zuletzt in diesem groartigen Zuge
kamen _der Herzensknig und die Herzensknigin_.

Alice wute nicht recht, ob sie sich nicht flach auf's Gesicht legen
msse, wie die drei Grtner; aber sie konnte sich nicht erinnern, je von
einer solchen Sitte bei Festzgen gehrt zu haben. Und auerdem, wozu
gbe es berhaupt Aufzge, dachte sie, wenn alle Leute flach auf dem
Gesichte liegen mten, so da sie sie nicht sehen knnten? Sie blieb
also stehen, wo sie war, und wartete.

Als der Zug bei ihr angekommen war, blieben Alle stehen und sahen sie
an, und die Knigin sagte strenge: Wer ist das? Sie hatte den
Coeur-Buben gefragt, der statt aller Antwort nur lchelte und Kratzfe
machte.

Schafskopf! sagte die Knigin, den Kopf ungeduldig zurckwerfend; und
zu Alice gewandt fuhr sie fort: Wie heit du, Kind?

[Illustration]

Mein Name ist Alice, Euer Majestt zu dienen! sagte Alice sehr
hflich; aber sie dachte bei sich: Ach was, es ist ja nur ein Pack
Karten. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu frchten!

Und wer sind diese drei? fuhr die Knigin fort, indem sie auf die drei
Grtner zeigte, die um den Rosenstrauch lagen; denn natrlich, da sie
auf dem Gesichte lagen und das Muster auf ihrer Rckseite dasselbe war
wie fr das ganze Pack, so konnte sie nicht wissen, ob es Grtner oder
Soldaten oder Herren vom Hofe oder drei von ihren eigenen Kindern waren.

Woher soll ich das wissen? sagte Alice, indem sie sich selbst ber
ihren Muth wunderte. Es ist nicht meines Amtes.

Die Knigin wurde purpurroth vor Wuth, und nachdem sie sie einen
Augenblick wie ein wildes Thier angestarrt hatte, fing sie an zu
brllen: Ihren Kopf ab! ihren Kopf --

Unsinn! sagte Alice sehr laut und bestimmt, und die Knigin war still.

Der Knig legte seine Hand auf ihren Arm und sagte milde: Bedenke,
meine Liebe, es ist nur ein Kind!

Die Knigin wandte sich rgerlich von ihm ab und sagte zu dem Buben:
Dreh' sie um!

Der Bube that es, sehr sorgfltig, mit einem Fue.

Steht auf! schrie die Knigin mit durchdringender Stimme, und die drei
Grtner sprangen sogleich auf und fingen an sich zu verneigen vor dem
Knig, der Knigin, den kniglichen Kindern, und Jedermann.

Lat das sein! eiferte die Knigin. Ihr macht mich schwindlig. Und
dann, sich nach dem Rosenstrauch umdrehend, fuhr sie fort: Was habt ihr
hier gethan?

Euer Majestt zu dienen, sagte Zwei in sehr demthigem Tone und sich
auf ein Knie niederlassend, wir haben versucht --

Ich sehe! sagte die Knigin, die unterdessen die Rosen untersucht
hatte. Ihre Kpfe ab! und der Zug bewegte sich fort, whrend drei von
den Soldaten zurckblieben um die unglcklichen Grtner zu enthaupten,
welche zu Alice liefen und sie um Schutz baten.

Ihr sollt nicht getdtet werden! sagte Alice, und damit steckte sie
sie in einen groen Blumentopf, der in der Nhe stand. Die drei Soldaten
gingen ein Weilchen hier- und dorthin, um sie zu suchen, und dann
schlossen sie sich ruhig wieder den Andern an.

Sind ihre Kpfe gefallen? schrie die Knigin sie an.

Ihre Kpfe sind fort, zu Euer Majestt Befehl! schrien die Soldaten
als Antwort.

Das ist gut! schrie die Knigin. Kannst du Croquet spielen?

Die Soldaten waren still und sahen Alice an, da die Frage
augenscheinlich an sie gerichtet war.

Ja! schrie Alice.

Dann komm mit! brllte die Knigin, und Alice schlo sich dem Zuge an,
sehr neugierig, was nun geschehen werde.

Es ist -- es ist ein sehr schner Tag! sagte eine schchterne Stimme
neben ihr. Sie ging neben dem weien Kaninchen, das ihr ngstlich in's
Gesicht sah.

Sehr, sagte Alice; -- wo ist die Herzogin?

Still! still! sagte das Kaninchen in einem leisen, schnellen Tone. Es
sah dabei ngstlich ber seine Schulter, stellte sich dann auf die
Zehen, hielt den Mund dicht an Alice's Ohr und wisperte: Sie ist zum
Tode verurtheilt.

Wofr? fragte diese.

Sagtest du: wie Schade? fragte das Kaninchen.

Nein, das sagte ich nicht, sagte Alice, ich finde gar nicht, da es
Schade ist. Ich sagte: wofr?

Sie hat der Knigin eine Ohrfeige gegeben -- fing das Kaninchen an.
Alice lachte hrbar. Oh still! flsterte das Kaninchen in sehr
erschreckten Tone. Die Knigin wird dich hren! Sie kam nmlich etwas
spt, und die Knigin sagte --

Macht, da ihr an eure Pltze kommt! donnerte die Knigin, und Alle
fingen an in allen Richtungen durcheinander zu laufen, wobei sie Einer
ber den Andern stolperten; jedoch nach ein bis zwei Minuten waren sie
in Ordnung, und das Spiel fing an.

[Illustration]

Alice dachte bei sich, ein so merkwrdiges Croquet-Feld habe sie in
ihrem Leben nicht gesehen; es war voller Erhhungen und Furchen, die
Kugeln waren lebendige Igel, und die Schlgel lebendige Flamingos, und
die Soldaten muten sich umbiegen und auf Hnden und Fen stehen, um
die Bogen zu bilden.

Die Hauptschwierigkeit, die Alice zuerst fand, war, den Flamingo zu
handhaben; sie konnte zwar ziemlich bequem seinen Krper unter ihrem
Arme festhalten, so da die Fe herunterhingen, aber wenn sie eben
seinen Hals schn ausgestreckt hatte, und dem Igel nun einen Schlag mit
seinem Kopf geben wollte, so richtete er sich auf und sah ihr mit einem
so verdutzten Ausdruck in's Gesicht, da sie sich nicht enthalten konnte
laut zu lachen. Wenn sie nun seinen Kopf herunter gebogen hatte und eben
wieder anfangen wollte zu spielen, so fand sie zu ihrem groen Verdru,
da der Igel sich aufgerollt hatte und eben fortkroch; auerdem war
gewhnlich eine Erhhung oder eine Furche gerade da im Wege, wo sie den
Igel hinrollen wollte, und da die umgebogenen Soldaten fortwhrend
aufstanden und an eine andere Stelle des Grasplatzes gingen, so kam
Alice bald zu der Ueberzeugung, da es wirklich ein sehr schweres Spiel
sei.

Die Spieler spielten Alle zugleich, ohne zu warten, bis sie an der Reihe
waren; dabei stritten sie sich immerfort und zankten um die Igel, und in
sehr kurzer Zeit war die Knigin in der heftigsten Wuth, stampfte mit
den Fen und schrie: Schlagt ihr den Kopf ab! ungefhr ein Mal jede
Minute.

Alice fing an, sich sehr unbehaglich zu fhlen, sie hatte zwar noch
keinen Streit mit der Knigin gehabt, aber sie wute, da sie keinen
Augenblick sicher davor war, und was, dachte sie, wrde dann aus mir
werden? die Leute hier scheinen schrecklich gern zu kpfen; es ist das
grte Wunder, da berhaupt noch welche am Leben geblieben sind! Sie
sah sich nach einem Ausgange um und berlegte, ob sie sich wohl ohne
gesehen zu werden, fortschleichen knne, als sie eine merkwrdige
Erscheinung in der Luft wahrnahm: sie schien ihr zuerst ganz
rthselhaft, aber nachdem sie sie ein Paar Minuten beobachtet hatte,
erkannte sie, da es ein Grinsen war, und sagte bei sich: Es ist die
Grinse-Katze; jetzt werde ich Jemand haben, mit dem ich sprechen kann.

Wie geht es dir? sagte die Katze, sobald Mund genug da war, um damit
zu sprechen.

Alice wartete, bis die Augen erschienen, und nickte ihr zu. Es ntzt
nichts mit ihr zu reden, dachte sie, bis ihre Ohren gekommen sind,
oder wenigstens eins. Den nchsten Augenblick erschien der ganze Kopf;
da setzte Alice ihren Flamingo nieder und fing ihren Bericht von dem
Spiele an, sehr froh, da sie Jemand zum Zuhren hatte. Die Katze
schien zu glauben, da jetzt genug von ihr sichtbar sei, und es erschien
weiter nichts.

Ich glaube, sie spielen gar nicht gerecht, fing Alice in etwas
klagendem Tone an, und sie zanken sich Alle so entsetzlich, da man
sein eigenes Wort nicht hren kann -- und dann haben sie gar keine
Spielregeln, wenigstens wenn sie welche haben, so beobachtet sie Niemand
-- und du hast keine Idee, wie es Einen verwirrt, da alle
Croquet-Sachen lebendig sind; zum Beispiel da ist der Bogen, durch den
ich das nchste Mal spielen mu, und geht am andern Ende des Grasplatzes
spazieren -- und ich htte den Igel der Knigin noch eben _treffen_
knnen, nur da er fortrannte, als er meinen kommen sah!

Wie gefllt dir die Knigin? fragte die Katze leise.

Ganz und gar nicht, sagte Alice, sie hat so sehr viel -- da bemerkte
sie eben, da die Knigin dicht hinter ihr war und zuhrte, also setzte
sie hinzu: Aussicht zu gewinnen, da es kaum der Mhe werth ist, das
Spiel auszuspielen.

Die Knigin lchelte und ging weiter.

Mit wem redest du da? sagte der Knig, indem er an Alice herantrat
und mit groer Neugierde den Katzenkopf ansah.

Es ist einer meiner Freunde -- ein Grinse-Kater, sagte Alice;
erlauben Eure Majestt, da ich ihn Ihnen vorstelle.

Sein Aussehen gefllt mir gar nicht, sagte der Knig; er mag mir
jedoch die Hand kssen, wenn er will.

O, lieber nicht! versetzte der Kater.

Sei nicht so impertinent, sagte der Knig, und sieh mich nicht so
an! Er stellte sich hinter Alice, als er dies sagte.

Der Kater sieht den Knig an, der Knig sieht den Kater an, sagte
Alice, das habe ich irgendwo gelesen, ich wei nur nicht mehr wo.

Fort mu er, sagte der Knig sehr entschieden, und rief der Knigin
zu, die gerade vorbeiging: Meine Liebe! ich wollte, du lieest diesen
Kater fortschaffen!

Die Knigin kannte nur _eine_ Art, alle Schwierigkeiten, groe und kleine,
zu beseitigen. Schlagt ihm den Kopf ab! sagte sie, ohne sich einmal
umzusehen.

Ich werde den Henker selbst holen, sagte der Knig eifrig und eilte
fort.

Alice dachte, sie wollte lieber zurck gehen und sehen, wie es mit dem
Spiele stehe, da sie in der Entfernung die Stimme der Knigin hrte, die
vor Wuth auer sich war. Sie hatte sie schon drei Spieler zum Tode
verurtheilen hren, weil sie ihre Reihe verfehlt hatten, und der Stand
der Dinge behagte ihr gar nicht, da das Spiel in solcher Verwirrung war,
da sie nie wute, ob sie an der Reihe sei oder nicht. Sie ging also,
sich nach ihrem Igel umzusehen.

Der Igel war im Kampfe mit einem andern Igel, was Alice eine
vortreffliche Gelegenheit schien, einen mit dem andern zu _treffen_; die
einzige Schwierigkeit war, da ihr Flamingo nach dem andern Ende des
Gartens gegangen war, wo Alice eben sehen konnte, wie er hchst
ungeschickt versuchte, auf einen Baum zu fliegen.

Als sie den Flamingo gefangen und zurckgebracht hatte, war der Kampf
vorber und die beiden Igel nirgends zu sehen. Aber es kommt nicht
drauf an, dachte Alice, da alle Bogen auf dieser Seite des Grasplatzes
fortgegangen sind. Sie steckte also ihren Flamingo unter den Arm, damit
er nicht wieder fortliefe, und ging zurck, um mit ihrem Freunde weiter
zu schwatzen.

Als sie zum Cheshire-Kater zurck kam, war sie sehr erstaunt, einen
groen Auflauf um ihn versammelt zu sehen: es fand ein groer
Wortwechsel statt zwischen dem Henker, dem Knige und der Knigin,
welche alle drei zugleich sprachen, whrend die Uebrigen ganz still
waren und sehr ngstlich aussahen.

Sobald Alice erschien, wurde sie von allen dreien aufgefordert, den
streitigen Punkt zu entscheiden, und sie wiederholten ihr ihre
Beweisgrnde, obgleich, da alle zugleich sprachen, man kaum verstehen
konnte, was jeder Einzelne sagte.

[Illustration]

Der Henker behauptete, da man keinen Kopf abschneiden knne, wo kein
Krper sei, von dem man ihn abschneiden knne; da er so etwas noch nie
gethan habe, und jetzt ber die Jahre hinaus sei, wo man etwas Neues
lerne.

Der Knig behauptete, da Alles, was einen Kopf habe, gekpft werden
knne, und da man nicht so viel Unsinn schwatzen solle.

Die Knigin behauptete, da wenn nicht in weniger als keiner Frist etwas
geschehe, sie die ganze Gesellschaft wrde kpfen lassen. (Diese
letztere Bemerkung hatte der Versammlung ein so ernstes und ngstliches
Aussehen gegeben.)

Alice wute nichts Besseres zu sagen als: "Er gehrt der Herzogin, es
wre am besten sie zu fragen."

"Sie ist im Gefngnis," sagte die Knigin zum Henker, "hole sie her."
Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.

Da wurde der Kopf des Katers undeutlicher und undeutlicher; und gerade
in dem Augenblicke, als der Henker mit der Herzogin zurck kam,
verschwand er gnzlich; der Knig und der Henker liefen ganz wild umher,
ihn zu suchen, whrend die brige Gesellschaft zum Spiele zurckging.




Neuntes Kapitel.

Die Geschichte der falschen Schildkrte.


Du kannst dir gar nicht denken, wie froh ich bin, dich wieder zu sehen,
du liebes altes Herz! sagte die Herzogin, indem sie Alice liebevoll
unterfate, und beide zusammen fortspazierten.

Alice war sehr froh, sie bei so guter Laune zu finden, und dachte bei
sich, es wre vielleicht nur der Pfeffer, der sie so bse gemacht habe,
als sie sich zuerst in der Kche trafen. Wenn ich Herzogin bin, sagte
sie fr sich (doch nicht in sehr hoffnungsvollem Tone), will ich gar
keinen Pfeffer in meiner Kche dulden. Suppe schmeckt sehr gut ohne --
Am Ende ist es immer Pfeffer, der die Leute heftig macht, sprach sie
weiter, sehr glcklich, eine neue Art Regel erfunden zu haben, und
Essig, der sie sauertpfisch macht -- und Kamillenthee, der sie bitter
macht -- und Gerstenzucker und dergleichen, was Kinder zuckers macht.
Ich wnschte nur, die groen Leute wten das, dann wrden sie nicht so
sparsam damit sein --

Sie hatte unterdessen die Herzogin ganz vergessen und schrak frmlich
zusammen, als sie deren Stimme dicht an ihrem Ohre hrte. Du denkst an
etwas, meine Liebe, und vergit darber zu sprechen. Ich kann dir diesen
Augenblick nicht sagen, was die Moral davon ist, aber es wird mir gleich
einfallen.

Vielleicht hat es keine, hatte Alice den Muth zu sagen.

Still, still, Kind! sagte die Herzogin. Alles hat seine Moral, wenn
man sie nur finden kann. Dabei drngte sie sich dichter an Alice heran.

Alice mochte es durchaus nicht gern, da sie ihr so nahe kam: erstens,
weil die Herzogin sehr hlich war, und zweitens, weil sie gerade gro
genug war, um ihr Kinn auf Alice's Schulter zu sttzen, und es war ein
unangenehm spitzes Kinn. Da sie aber nicht gern unhflich sein wollte,
so ertrug sie es, so gut sie konnte.

Das Spiel ist jetzt besser im Gange, sagte sie, um die Unterhaltung
fortzufhren.

[Illustration]

So ist es, sagte die Herzogin, und die Moral davon ist -- Mit Liebe
und Gesange hlt man die Welt im Gange!

Wer sagte denn, flsterte Alice, es geschehe dadurch, da Jeder vor
seiner Thre fege.

Ah, sehr gut, das bedeutet ungefhr dasselbe, sagte die Herzogin, und
indem sie ihr spitzes kleines Kinn in Alice's Schulter einbohrte, fgte
sie hinzu und die Moral _davon_ ist -- So viel Kpfe, so viel Sinne.

Wie gern sie die Moral von Allem findet! dachte Alice bei sich.

Du wunderst dich wahrscheinlich, warum ich meinen Arm nicht um deinen
Hals lege, sagte die Herzogin nach einer Pause; die Wahrheit zu
gestehen, ich traue der Laune deines Flamingos nicht ganz. Soll ich es
versuchen?

Er knnte beien, erwiderte Alice weislich, da sie sich keineswegs
danach sehnte, das Experiment zu versuchen.

Sehr wahr, sagte die Herzogin, Flamingos und Senf beien beide. Und
die Moral davon ist: Gleich und Gleich gesellt sich gern.

Aber der Flamingo ist ja ein Vogel und Senf ist kein Vogel, wandte
Alice ein.

Ganz recht, wie immer, sagte die Herzogin, wie deutlich du Alles
ausdrcken kannst.

Es ist, glaube ich, ein Mineral, sagte Alice.

Versteht sich, sagte die Herzogin, die Allem, was Alice sagte,
beizustimmen schien, in dem groen Senf-Bergwerk hier in der Gegend
sind ganz vorzglich gute Minen. Und die Moral davon ist, da wir gute
Miene zum bsen Spiel machen mssen.

O, ich wei! rief Alice aus, die die letzte Bemerkung ganz berhrt
hatte, es ist eine Pflanze. Es sieht nicht so aus, aber es ist eine.

Ich stimme dir vollkommen bei, sagte die Herzogin, und die Moral
davon ist: Sei was du zu scheinen wnschest! -- oder einfacher
ausgedrckt: Bilde dir nie ein verschieden von dem zu sein was Anderen
erscheint da was du warest oder gewesen sein mchtest nicht verschieden
von dem war da was du gewesen warest ihnen erschienen wre als wre es
verschieden.

Ich glaube, ich wrde das besser verstehen, sagte Alice sehr hflich,
wenn ich es aufgeschrieben htte; ich kann nicht ganz folgen, wenn Sie
es sagen.

Das ist noch gar nichts dagegen, was ich sagen knnte, wenn ich
wollte, antwortete die Herzogin in selbstzufriedenem Tone.

Bitte, bemhen Sie sich nicht, es noch lnger zu sagen! sagte Alice.

O, sprich nicht von Mhe! sagte die Herzogin, ich will dir Alles, was
ich bis jetzt gesagt habe, schenken.

Eine wohlfeile Art Geschenke! dachte Alice, ich bin froh, da man
nicht solche Geburtstagsgeschenke macht! Aber sie getraute sich nicht,
es laut zu sagen.

Wieder in Gedanken? fragte die Herzogin und grub ihr spitzes kleines
Kinn tiefer ein.

Ich habe das Recht, in Gedanken zu sein, wenn ich will, sagte Alice
gereizt, denn die Unterhaltung fing an, ihr langweilig zu werden.

Gerade so viel Recht, sagte die Herzogin, wie Ferkel zum Fliegen, und
die M --

Aber, zu Alice's groem Erstaunen stockte hier die Stimme der Herzogin,
und zwar mitten in ihrem Lieblingsworte Moral, und der Arm, der in dem
ihrigen ruhte, fing an zu zittern. Alice sah auf, und da stand die
Knigin vor ihnen, mit ber der Brust gekreuzten Armen, schwarzblickend
wie ein Gewitter.

Ein schner Tag, Majestt! fing die Herzogin mit leiser schwacher
Stimme an.

Ich will Sie schn gewarnt haben, schrie die Knigin und stampfte
dabei mit dem Fue: Fort augenblicklich, entweder mit Ihnen oder mit
Ihrem Kopfe! Whlen Sie!

Die Herzogin whlte und verschwand eilig.

Wir wollen weiter spielen, sagte die Knigin zu Alice, und diese, viel
zu erschrocken, ein Wort zu erwiedern, folgte ihr langsam nach dem
Croquet-Felde.

Die brigen Gste hatten die Abwesenheit der Knigin benutzt, um im
Schatten auszuruhen; sobald sie sie jedoch kommen sahen, eilten sie
augenblicklich zum Spiele zurck, indem die Knigin einfach bemerkte,
da eine Minute Verzug ihnen das Leben kosten wrde.

Die ganze Zeit, wo sie spielten, hrte die Knigin nicht auf, mit den
andern Spielern zu zanken und zu schreien: Schlagt ihm den Kopf ab!
oder: Schlagt ihr den Kopf ab! Diejenigen, welche sie verurtheilt
hatte, wurden von den Soldaten in Verwahrsam gefhrt, die natrlich dann
aufhren muten, die Bogen zu bilden, so da nach ungefhr einer halben
Stunde keine Bogen mehr brig waren, und alle Spieler, auer dem Knige,
der Knigin und Alice, in Verwahrsam und zum Tode verurtheilt waren.

Da hrte die Knigin, ganz auer Athem, auf, und sagte zu Alice: Hast
du die _Falsche Schildkrte_ schon gesehen?

Nein, sagte Alice. Ich wei nicht einmal, was eine _Falsche
Schildkrte_ ist.

Es ist das, woraus falsche Schildkrtensuppe gemacht wird, sagte die
Knigin.

Ich habe weder eine gesehen, noch von einer gehrt, sagte Alice.

Komm schnell, sagte die Knigin, sie soll dir ihre Geschichte
erzhlen.

Als sie mit einander fortgingen, hrte Alice den Knig leise zu der
ganzen Versammlung sagen: Ihr seid Alle begnadigt! Ach, das ist ein
Glck! sagte sie fr sich, denn sie war ber die vielen Enthauptungen,
welche die Knigin angeordnet hatte, ganz auer sich gewesen.

Sie kamen bald zu einem Greifen, der in der Sonne lag und schlief. (Wenn
ihr nicht wit, was ein Greif ist, seht euch das Bild an.) Auf, du
Faulpelz, sagte die Knigin, und bringe dies kleine Frulein zu der
falschen Schildkrte, sie mchte gern ihre Geschichte hren. Ich mu
zurck und nach einigen Hinrichtungen sehen, die ich angeordnet habe;
damit ging sie fort und lie Alice mit dem Greifen allein. Der Anblick
des Thieres gefiel Alice nicht recht; aber im Ganzen genommen, dachte
sie, wrde es eben so sicher sein, bei ihm zu bleiben, als dieser
grausamen Knigin zu folgen, sie wartete also.

[Illustration]

Der Greif richtete sich auf und rieb sich die Augen: darauf sah er der
Knigin nach, bis sie verschwunden war; dann schttelte er sich. Ein
kstlicher Spa! sagte der Greif, halb zu sich selbst, halb zu Alice.

_Was_ ist ein Spa? fragte Alice.

Sie, sagte der Greif. Es ist Alles ihre Einbildung, das: Niemand wird
niemals nicht hingerichtet. Komm schnell.

Jeder sagte hier, komm schnell, dachte Alice, indem sie ihm langsam
nachging, so viel bin ich in meinem Leben nicht hin und her kommandirt
worden, nein, in meinem ganzen Leben nicht!

Sie brauchten nicht weit zu gehen, als sie schon die falsche Schildkrte
in der Entfernung sahen, wie sie einsam und traurig auf einem
Felsenriffe sa; und als sie nher kamen, hrte Alice sie seufzen, als
ob ihr das Herz brechen wollte. Sie bedauerte sie herzlich. Was fr
einen Kummer hat sie? fragte sie den Greifen, und der Greif antwortete,
fast in denselben Worten wie zuvor: Es ist Alles ihre Einbildung, das;
sie hat keinen Kummer nicht. Komm schnell.

Sie gingen also an die falsche Schildkrte heran, die sie mit
thrnenschweren Augen anblickte, aber nichts sagte.

Die kleine Mamsell hier, sprach der Greif, sie sagt, sie mchte gern
deine Geschichte wissen, sagt sie.

Ich will sie ihr erzhlen, sprach die falsche Schildkrte mit tiefer,
hohler Stimme; setzt euch beide her und sprecht kein Wort, bis ich
fertig bin.

Gut, sie setzten sich hin und Keiner sprach mehre Minuten lang. Alice
dachte bei sich: Ich begreife nicht, wie sie je fertig werden kann,
wenn sie nicht anfngt. Aber sie wartete geduldig.

Einst, sagte die falsche Schildkrte endlich mit einem tiefen Seufzer,
war ich eine wirkliche Schildkrte.

[Illustration]

Auf diese Worte folgte ein sehr langes Schweigen, nur hin und wieder
unterbrochen durch den Ausruf des Greifen Hjckrrh! und durch das
heftige Schluchzen der falschen Schildkrte. Alice wre beinah
aufgestanden und htte gesagt: Danke sehr fr die interessante
Geschichte! aber sie konnte nicht umhin zu denken, da doch noch etwas
kommen msse; daher blieb sie sitzen und sagte nichts.

Als wir klein waren, sprach die falsche Schildkrte endlich weiter,
und zwar ruhiger, obgleich sie noch hin und wieder schluchzte, gingen
wir zur Schule in der See. Die Lehrerin war eine alte Schildkrte -- wir
nannten sie Mamsell Schalthier --

Warum nanntet ihr sie Mamsell Schalthier? fragte Alice.

Sie _schalt hier_ oder sie schalt da alle Tage, darum, sagte die falsche
Schildkrte rgerlich; du bist wirklich sehr dumm.

Du solltest dich schmen, eine so dumme Frage zu thun, setzte der
Greif hinzu, und dann saen beide und sahen schweigend die arme Alice
an, die in die Erde htte sinken mgen. Endlich sagte der Greif zu der
falschen Schildkrte: Fahr' zu, alte Kutsche! La uns nicht den ganzen
Tag warten! Und sie fuhr in folgenden Worten fort:

Ja, wir gingen zur Schule, in der See, ob ihr es glaubt oder nicht --

Ich habe nicht gesagt, da ich es nicht glaubte, unterbrach sie Alice.

Ja, das hast du, sagte die falsche Schildkrte.

Halt' den Mund! fgte der Greif hinzu, ehe Alice antworten konnte. Die
falsche Schildkrte fuhr fort.

Wir gingen in die allerbeste Schule; wir hatten vier und zwanzig
Stunden regelmig jeden Tag.

Das haben wir auf dem Lande auch, sagte Alice, darauf brauchst du dir
nicht so viel einzubilden.

Habt ihr auch Privatstunden auerdem? fragte die falsche Schildkrte
etwas kleinlaut.

Ja, sagte Alice, Franzsisch und Klavier.

Und Wsche? sagte die falsche Schildkrte.

Ich dchte gar! sagte Alice entrstet.

Ah! dann gehst du in keine wirklich gute Schule, sagte die falsche
Schildkrte sehr beruhigt. In unserer Schule stand immer am Ende der
Rechnung, Franzsisch, Klavierspielen, Wsche -- extra.

Das knnt ihr nicht sehr nthig gehabt haben, sagte Alice, wenn ihr
auf dem Grunde des Meeres wohntet.

Ich konnte keine Privatstunden bezahlen, sagte die falsche
Schildkrte mit einem Seufzer. Ich nahm nur den regelmigen
Unterricht.

Und was war das? fragte Alice.

Legen und Treiben, natrlich, zu allererst, erwiederte die falsche
Schildkrte; und dann die vier Abtheilungen vom Rechnen: Zusehen,
Abziehen, Vervielfraen und Stehlen.

Ich habe nie von Vervielfraen gehrt, warf Alice ein. Was ist das?

Der Greif erhob beide Klauen voller Verwunderung. Nie von Vervielfraen
gehrt! rief er aus. Du weit, was Verhungern ist? vermuthe ich.

Ja, sagte Alice unsicher, es heit -- nichts -- essen -- und davon --
sterben.

Nun, fuhr der Greif fort, wenn du nicht verstehst, was Vervielfraen
ist, dann bist du ein Pinsel.

Alice hatte allen Muth verloren, sich weiter danach zu erkundigen, und
wandte sich daher an die falsche Schildkrte mit der Frage: Was hattet
ihr sonst noch zu lernen?

Nun, erstens Gewichte, erwiederte die falsche Schildkrte, indem sie
die Gegenstnde an den Pfoten aufzhlte, Gewichte, alte und neue, mit
Seeographie; dann Springen -- der Springelehrer war ein alter
Stockfisch, der ein Mal wchentlich zu kommen pflegte, er lehrte uns
Pfoten Reiben und Unarten, meerschwimmig Springen, Schillern und
Imponiren.

Wie war denn das? fragte Alice.

Ich kann es dir nicht selbst zeigen, sagte die falsche Schildkrte,
ich bin zu steif. Und der Greif hat es nicht gelernt.

Hatte keine Zeit, sagte der Greif; ich hatte aber Stunden bei dem
Lehrer der alten Sprachen. Das war ein alter _Barsch_, ja, das war er.

Bei dem bin ich nicht gewesen, sagte die falsche Schildkrte mit einem
Seufzer, er lehrte Zebrisch und Greifisch, sagten sie immer.

Das that er auch, das that er auch, und besonders Lasein, sagte der
Greif, indem er ebenfalls seufzte, worauf beide Thiere sich das Gesicht
mit den Pfoten bedeckten.

Und wie viel Schler wart ihr denn in einer Klasse? sagte Alice, die
schnell auf einen andern Gegenstand kommen wollte.

Zehn den ersten Tag, sagte die falsche Schildkrte, neun den
nchsten, und so fort.

Was fr eine merkwrdige Einrichtung! rief Alice aus.

Das ist der Grund, warum man Lehrer hlt, weil sie die Klasse von Tag
zu Tag leeren.

Dies war ein ganz neuer Gedanke fr Alice, welchen sie grndlich
berlegte, ehe sie wieder eine Bemerkung machte. Den elften Tag mssen
dann Alle frei gehabt haben?

Natrlich! sagte die falsche Schildkrte.

Und wie wurde es den zwlften Tag gemacht? fuhr Alice eifrig fort.

Das ist genug von Stunden, unterbrach der Greif sehr bestimmt:
erzhle ihr jetzt etwas von den Spielen.




Zehntes Kapitel.

Das Hummerballet.


Die falsche Schildkrte seufzte tief auf und wischte sich mit dem Rcken
ihrer Pfote die Augen. Sie sah Alice an und versuchte zu sprechen, aber
ein bis zwei Minuten lang erstickte lautes Schluchzen ihre Stimme.
Sieht aus, als ob sie einen Knochen in der Kehle htt', sagte der
Greif und machte sich daran, sie zu schtteln und auf den Rcken zu
klopfen. Endlich erhielt die falsche Schildkrte den Gebrauch ihrer
Stimme wieder, und whrend Thrnen ihre Wangen herabflossen, erzhlte
sie weiter.

Vielleicht hast du nicht viel unter dem Wasser gelebt -- (Nein,
sagte Alice) -- und vielleicht hast du nie die Bekanntschaft eines
Hummers gemacht -- (Alice wollte eben sagen: ich kostete einmal, aber
sie hielt schnell ein und sagte: Nein, niemals) -- du kannst dir also
nicht vorstellen, wie reizend ein Hummerballet ist.

Nein, in der That nicht, sagte Alice, was fr eine Art Tanz ist es?

Nun, sagte der Greif, erst stellt man sich in einer Reihe am Strand
auf --

In zwei Reihen! rief die falsche Schildkrte. Seehunde, Schildkrten,
Lachse, und so weiter; dann, wenn alle Seesterne aus dem Wege gerumt
sind --

Was gewhnlich einige Zeit dauert, unterbrach der Greif.

-- geht man zwei Mal vorwrts --

Jeder einen Hummer zum Tanze fhrend! rief der Greif.

Natrlich, sagte die falsche Schildkrte: zwei Mal vorwrts, wieder
paarweis gestellt --

-- wechselt die Hummer, und geht in derselben Ordnung zurck, fuhr der
Greif fort.

Dann, mut du wissen, fiel die falsche Schildkrte ein, wirft man die
--

Die Hummer! schrie der Greif mit einem Luftsprunge.

-- so weit in's Meer, als man kann --

Schwimmt ihnen nach! kreischte der Greif.

Schlgt einen Purzelbaum im Wasser! rief die falsche Schildkrte,
indem sie unbndig umhersprang.

[Illustration]

Wechselt die Hummer wieder! heulte der Greif mit erhobener Stimme.

Zurck an's Land, und -- das ist die ganze erste Figur, sagte die
falsche Schildkrte, indem ihre Stimme pltzlich sank; und beide Thiere,
die bis dahin wie toll umhergesprungen waren, setzten sich sehr betrbt
und still nieder und sahen Alice an.

Es mu ein sehr hbscher Tanz sein, sagte Alice ngstlich.

Mchtest du eine kleine Probe sehen? fragte die falsche Schildkrte.

Sehr gern, sagte Alice.

Komm, la uns die erste Figur versuchen! sagte die falsche Schildkrte
zum Greifen. Wir knnen es ohne Hummer, glaube ich. Wer soll singen?

Oh, singe du! sagte der Greif. Ich habe die Worte vergessen.

So fingen sie denn an, feierlich im Kreise um Alice zu tanzen; zuweilen
traten sie ihr auf die Fe, wenn sie ihr zu nahe kamen; die falsche
Schildkrte sang dazu, sehr langsam und traurig, Folgendes: --

    Zu der Schnecke sprach ein Weifisch: Kannst du denn nicht
        schneller gehn?
    Siehst du denn nicht die Schildkrten und die Hummer
        alle stehn?
    Hinter uns da kommt ein Meerschwein, und es tritt mir auf
        den Schwanz;
    Und sie warten an dem Strande, da wir kommen zu
        dem Tanz.
    Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen
        zu dem Tanz?
    Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen
        zu dem Tanz?

    Nein, du kannst es nicht ermessen, wie so herrlich es wird sein,
    Nehmen sie uns mit den Hummern, werfen uns in's Meer hinein!
    Doch die Schnecke tht nicht trauen. Das gefllt mir doch nicht ganz!
    Viel zu weit, zu weit! ich danke -- gehe nicht mit euch zum Tanz!
    Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, kann nicht kommen zu dem Tanz!
    Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag nicht kommen zu dem Tanz!

    Und der Weifisch sprach dagegen: 's kommt ja nicht drauf an, wie
        weit!
    Ist doch wohl ein andres Ufer, drben auf der andern Seit'!
    Und noch viele schne Ksten giebt es auer Engelland's;
    Nur nicht blde, liebe Schnecke, komm' geschwind mit mir zum Tanz!
    Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem
        Tanz?
    Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst nicht kommen zu dem
        Tanz?

Danke sehr, es ist sehr, sehr interessant, diesem Tanze zuzusehen,
sagte Alice, obgleich sie sich freute, da er endlich vorber war; und
das komische Lied von dem Weifisch gefllt mir so!

Oh, was die Weifische anbelangt, sagte die falsche Schildkrte, die
-- du hast sie doch gesehen?

Ja, sagte Alice, ich habe sie oft gesehen, bei'm Mitt -- sie hielt
schnell inne.

Ich wei nicht, wer Mitt sein mag, sagte die falsche Schildkrte,
aber da du sie so oft gesehen hast, so weit du natrlich, wie sie
aussehen?

Ja, ich glaube, sagte Alice nachdenklich, sie haben den Schwanz im
Maule, -- und sind ganz mit geriebener Semmel bestreut.

Die geriebene Semmel ist ein Irrthum, sagte die falsche Schildkrte;
sie wrde in der See bald abgesplt werden. Aber den Schwanz haben sie
im Maule, und der Grund ist -- hier ghnte die falsche Schildkrte und
machte die Augen zu. -- Sage ihr Alles das von dem Grunde, sprach sie
zum Greifen.

Der Grund ist, sagte der Greif, da sie durchaus im Hummerballet
mittanzen wollten. So wurden sie denn in die See hinein geworfen. So
muten sie denn sehr weit fallen. So kamen ihnen denn die Schwnze in
die Muler. So konnten sie sie denn nicht wieder heraus bekommen. So ist
es.

Danke dir, sagte Alice, es ist sehr interessant. Ich habe nie so viel
vom Weifisch zu hren bekommen.

Ich kann dir noch mehr ber ihn sagen, wenn du willst, sagte der
Greif, weit du, warum er Weifisch heit?

Ich habe darber noch nicht nachgedacht, sagte Alice. Warum?

Darum eben, sagte der Greif mit tiefer, feierlicher Stimme, weil man
so wenig von ihm _wei_. Nun aber mut du uns auch etwas von deinen
Abenteuern erzhlen.

Ich knnte euch meine Erlebnisse von heute frh an erzhlen, sagte
Alice verschmt, aber bis gestern zurck zu gehen, wre ganz unntz,
weil ich da jemand Anderes war.

Erklre das deutlich, sagte die falsche Schildkrte.

Nein, die Erlebnisse erst, sagte der Greif in ungeduldigem Tone,
Erklrungen nehmen so schrecklich viel Zeit fort.

Alice fing also an, ihnen ihre Abenteuer von da an zu erzhlen, wo sie
das weie Kaninchen zuerst gesehen hatte. Im Anfange war sie etwas
ngstlich, die beiden Thiere kamen ihr so nah, eins auf jeder Seite,
und sperrten Augen und Mund so _weit_ auf; aber nach und nach wurde sie
dreister. Ihre Zuhrer waren ganz ruhig, bis sie an die Stelle kam, wo
sie der Raupe 'Ihr seid alt, Vater Martin' hergesagt hatte, und wo
lauter andere Worte gekommen waren, da holte die falsche Schildkrte
tief Athem und sagte: das ist sehr merkwrdig.

Es ist Alles so merkwrdig, wie nur mglich, sagte der Greif.

Es kam ganz verschieden! wiederholte die falsche Schildkrte
gedankenvoll. Ich mchte sie wohl etwas hersagen hren. Sage ihr, da
sie anfangen soll. Sie sah den Greifen an, als ob sie dchte, da er
einigen Einflu auf Alice habe.

Steh' auf und sage her: 'Preisend mit viel schnen Reden', sagte der
Greif.

Wie die Geschpfe alle Einen kommandiren und Gedichte aufsagen lassen!
dachte Alice, dafr knnte ich auch lieber gleich in der Schule sein.
Sie stand jedoch auf und fing an, das Gedicht herzusagen; aber ihr Kopf
war so voll von dem Hummerballet, da sie kaum wute, was sie sagte, und
die Worte kamen sehr sonderbar: --

[Illustration]

    Preisend mit viel schnen Kniffen seiner Scheeren Werth und Zahl,
    Stand der Hummer vor dem Spiegel in der schnen rothen Schal'!
    Herrlich, sprach der Frst der Krebse, steht mir dieser lange Bart!
    Rckt die Fe mit der Nase auswrts, als er dieses sagt.

Das ist anders, als ich's als Kind gesagt habe, sagte der Greif.

Ich habe es zwar noch niemals gehrt, sagte die falsche Schildkrte;
aber es klingt wie blhender Unsinn.

Alice erwiederte nichts; sie setzte sich, bedeckte das Gesicht mit
beiden Hnden und berlegte, ob wohl _je_ wieder irgend etwas natrlich
sein wrde.

Ich mchte es gern erklrt haben, sagte die falsche Schildkrte.

Sie kann's nicht erklren, warf der Greif schnell ein. Sage den
nchsten Vers.

Aber das von den Fen? fragte die falsche Schildkrte wieder. Wie
kann er sie mit der Nase auswrts rcken?

Es ist die erste Position bei'm Tanzen, sagte Alice; aber sie war ber
Alles dies entsetzlich verwirrt und htte am liebsten aufgehrt.

Sage den nchsten Vers! wiederholte der Greif ungeduldig, er fngt
an: 'Seht mein Land!'

Alice wagte nicht, es abzuschlagen, obgleich sie berzeugt war, es wrde
Alles falsch kommen, sie fuhr also mit zitternder Stimme fort: --

    Seht mein Land und grne Fluten, sprach ein fetter Lachs vom Rhein;
    Goldne Schuppen meine Rstung, und mit Austern trink' ich Wein.

Wozu sollen wir das dumme Zeug mit anhren, unterbrach sie die falsche
Schildkrte, wenn sie es nicht auch erklren kann? Es ist das
verworrenste Zeug, das ich je gehrt habe!

Ja, ich glaube auch, es ist besser du hrst auf, sagte der Greif, und
Alice gehorchte nur zu gern.

Sollen wir noch eine Figur von dem Hummerballet versuchen? fuhr der
Greif fort. Oder mchtest du lieber, da die falsche Schildkrte dir
ein Lied vorsingt?

Oh, ein Lied! bitte, wenn die falsche Schildkrte so gut sein will,
antwortete Alice mit solchem Eifer, da der Greif etwas beleidigt sagte:
Hm! der Geschmack ist verschieden! Singe ihr vor 'Schildkrtensuppe',
hrst du, alte Tante?

Die falsche Schildkrte seufzte tief auf und fing an, mit halb von
Schluchzen erstickter Stimme, so zu singen: --

    Schne Suppe, so schwer und so grn,
    Dampfend in der heien Terrin'!
    Wem nach einem so schnen Gericht
    Wsserte denn der Mund wohl nicht?
    Kn'gin der Suppen, du schnste Supp'!
    Kn'gin der Suppen, du schnste Supp'!
      Wu -- underschne Su -- uppe!
      Wu -- underschne Su -- uppe!
      K -- nigin der Su -- uppen,
      Wunder-wunderschne Supp'!

    Schne Suppe, wer fragt noch nach Fisch,
    Wildpret oder was sonst auf dem Tisch?
    Alles lassen wir stehen zu p
    Reisen allein die wunderschne Supp',
    Preisen allein die wunderschne Supp'!
      Wu -- underschne Su -- uppe!
      Wu -- underschne Su -- uppe!
      K -- nigin der Su -- uppen,
      Wunder-wunderschne Supp'!

Den Chor noch einmal! rief der Greif, und die falsche Schildkrte
hatte ihn eben wieder angefangen, als ein Ruf: Das Verhr fngt an! in
der Ferne erscholl.

Komm schnell! rief der Greif, und Alice bei der Hand nehmend lief er
fort, ohne auf das Ende des Gesanges zu warten.

Was fr ein Verhr? keuchte Alice bei'm Rennen; aber der Greif
antwortete nichts als: Komm schnell! und rannte weiter, whrend
schwcher und schwcher, vom Winde getragen, die Worte ihnen folgten: --

    K -- nigin der Su -- uppen,
    Wunder-wunderschne Supp'!




Elftes Kapitel.

Wer hat die Kuchen gestohlen?


Der Knig und die Knigin der Herzen saen auf ihrem Throne, als sie
ankamen, und eine groe Menge war um sie versammelt -- allerlei kleine
Vgel und Thiere, auerdem das ganze Pack Karten: der Bube stand vor
ihnen, in Ketten, einen Soldaten an jeder Seite, um ihn zu bewachen;
dicht bei dem Knige befand sich das weie Kaninchen, eine Trompete in
einer Hand, in der andern eine Pergamentrolle. Im Mittelpunkte des
Gerichtshofes stand ein Tisch mit einer Schssel voll Torten: sie sahen
so appetitlich aus, da der bloe Anblick Alice ganz hungrig darauf
machte. -- Ich wnschte, sie machten schnell mit dem Verhr und
reichten die Erfrischungen herum. Aber dazu schien wenig Aussicht zu
sein, so da sie anfing, Alles genau in Augenschein zu nehmen, um sich
die Zeit zu vertreiben.

Alice war noch nie in einem Gerichtshofe gewesen, aber sie hatte in
ihren Bchern davon gelesen und bildete sich etwas Rechtes darauf ein,
da sie Alles, was sie dort sah, bei Namen zu nennen wute. Das ist der
Richter, sagte sie fr sich, wegen seiner groen Perrcke.

Der Richter war brigens der Knig, und er trug die Krone ber der
Percke (seht euch das Titelbild an, wenn ihr wissen wollt, wie), es sah
nicht aus, als sei es ihm bequem, und sicherlich stand es ihm nicht gut.

Und jene zwlf kleinen Thiere da sind vermuthlich die Geschwornen,
dachte Alice. Sie wiederholte sich selbst dies Wort zwei bis drei Mal,
weil sie so stolz darauf war; denn sie glaubte, und das mit Recht, da
wenig kleine Mdchen ihres Alters berhaupt etwas von diesen Sachen
wissen wrden.

Die zwlf Geschwornen schrieben alle sehr eifrig auf Schiefertafeln.
Was thun sie? fragte Alice den Greifen in's Ohr. Sie knnen ja noch
nichts aufzuschreiben haben, ehe das Verhr beginnt.

Sie schreiben ihre Namen auf, sagte ihr der Greif in's Ohr, weil sie
bange sind, sie zu vergessen, ehe das Verhr zu Ende ist.

Dumme Dinger! fing Alice entrstet ganz laut an; aber sie hielt
augenblicklich inne, denn das weie Kaninchen rief aus: Ruhe im Saal!
und der Knig setzte seine Brille auf und blickte sphend umher, um zu
sehen, wer da gesprochen habe.

Alice konnte ganz deutlich sehen, da alle Geschworne dumme Dinger!
auf ihre Tafeln schrieben, und sie merkte auch, da Einer von ihnen
nicht wute, wie es geschrieben wird, und seinen Nachbar fragen mute.
_Die_ Tafeln werden in einem schnen Zustande sein, wenn das Verhr
vorber ist! dachte Alice.

Einer der Geschwornen hatte einen Tafelstein, der quiekste. Das konnte
Alice natrlich nicht aushalten, sie ging auf die andere Seite des
Saales, gelangte dicht hinter ihn und fand sehr bald eine Gelegenheit,
den Tafelstein fortzunehmen. Sie hatte es so schnell gethan, da der
arme kleine Geschworne (es war Wabbel), durchaus nicht begreifen konnte,
wo sein Griffel hingekommen war; nachdem er ihn also berall gesucht
hatte, mute er sich endlich entschlieen, mit einem Finger zu
schreiben, und das war von sehr geringem Nutzen, da es keine Spuren auf
der Tafel zurcklie.

[Illustration]

Herold, verlies die Anklage! sagte der Knig.

Da blies das weie Kaninchen drei Mal in die Trompete, entfaltete darauf
die Pergamentrolle und las wie folgt: --

    Coeur-Knigin, sie buk Kuchen,
    Juchheisasah, juchhe!
    Coeur-Bube kam, die Kuchen nahm.
    Wo sind sie nun? O weh!

Gebt euer Urtheil ab! sprach der Knig zu den Geschwornen.

Noch nicht, noch nicht! unterbrach ihn das Kaninchen schnell. Da
kommt noch Vielerlei erst.

Lat den ersten Zeugen eintreten! sagte der Knig, worauf das
Kaninchen drei Mal in die Trompete blies und ausrief: Erster Zeuge!

Der erste Zeuge war der Hutmacher. Er kam herein, eine Tasse in einer
Hand und in der andern ein Stck Butterbrot haltend. Ich bitte um
Verzeihung, Eure Majestt, da ich das mitbringe; aber ich war nicht
ganz fertig mit meinem Thee, als nach mir geschickt wurde.

Du httest aber damit fertig sein sollen, sagte der Knig. Wann hast
du damit angefangen?

Der Hutmacher sah den Faselhasen an, der ihm in den Gerichtssaal gefolgt
war, Arm in Arm mit dem Murmelthier. Vierzehnten Mrz, glaube ich war
es, sagte er.

Funfzehnten, sagte der Faselhase.

Sechzehnten, fgte das Murmelthier hinzu.

Nehmt das zu Protokoll, sagte der Knig zu den Geschwornen, und die
Geschwornen schrieben eifrig die drei Daten auf ihre Tafeln, addirten
sie dann und machten die Summe zu Groschen und Pfennigen.

Nimm deinen Hut ab, sagte der Knig zum Hutmacher.

Es ist nicht meiner, sagte der Hutmacher.

Gestohlen! rief der Knig zu den Geschwornen gewendet aus, welche
sogleich die Thatsache notirten.

Ich halte sie zum Verkauf, fgte der Hutmacher als Erklrung hinzu,
ich habe keinen eigenen. Ich bin ein Hutmacher.

Da setzte sich die Knigin die Brille auf und fing an, den Hutmacher
scharf zu beobachten, was ihn sehr bla und unruhig machte.

Gieb du deine Aussage, sprach der Knig, und sei nicht ngstlich,
oder ich lasse dich auf der Stelle hngen.

Dies beruhigte den Zeugen augenscheinlich nicht; er stand abwechselnd
auf dem linken und rechten Fue, sah die Knigin mit groem Unbehagen
an, und in seiner Befangenheit bi er ein groes Stck aus seiner
Theetasse statt aus seinem Butterbrot.

Gerade in diesem Augenblick sprte Alice eine seltsame Empfindung, die
sie sich durchaus nicht erklren konnte, bis sie endlich merkte, was es
war: sie fing wieder an zu wachsen, und sie wollte sogleich aufstehen
und den Gerichtshof verlassen; aber nach weiterer Ueberlegung beschlo
sie zu bleiben, wo sie war, so lange sie Platz genug hatte.

Du brauchtest mich wirklich nicht so zu drngen, sagte das
Murmelthier, welches neben ihr sa. Ich kann kaum athmen.

Ich kann nicht dafr, sagte Alice bescheiden, ich wachse.

Du hast kein Recht dazu, hier zu wachsen, sagte das Murmelthier.

Rede nicht solchen Unsinn, sagte Alice dreister; du weit recht gut,
da du auch wchst.

Ja, aber ich wachse in vernnftigem Mastabe, sagte das Murmelthier,
nicht auf so lcherliche Art. Dabei stand es verdrielich auf und ging
an die andere Seite des Saales.

Die ganze Zeit ber hatte die Knigin unablssig den Hutmacher
angestarrt, und gerade als das Murmelthier durch den Saal ging, sprach
sie zu einem der Gerichtsbeamten: Bringe mir die Liste der Snger im
letzten Concerte! worauf der unglckliche Hutmacher so zitterte, da
ihm beide Schuhe abflogen.

[Illustration]

Gieb deine Aussage, wiederholte der Knig rgerlich, oder ich werde
dich hinrichten lassen, ob du dich ngstigst oder nicht.

Ich bin ein armer Mann, Eure Majestt, begann der Hutmacher mit
zitternder Stimme, und ich hatte eben erst meinen Thee angefangen --
nicht lnger als eine Woche ungefhr -- und da die Butterbrote so dnn
wurden -- und es Teller und Tpfe in den Thee schneite.

Teller und Tpfe -- was? fragte der Knig.

Es fing mit dem Thee an, erwiederte der Hutmacher.

Natrlich fangen Teller und Tpfe mit einem T an. Hltst du mich fr
einen Esel? Rede weiter!

Ich bin ein armer Mann, fuhr der Hutmacher fort, und seitdem schneite
Alles -- der Faselhase sagte nur --

Nein, ich hab's nicht gesagt! unterbrach ihn der Faselhase schnell.

Du hast's wohl gesagt! rief der Hutmacher.

Ich lugne es! sagte der Faselhase.

Er lugnet es! sagte der Knig: lat den Theil der Aussage fort.

Gut, auf jeden Fall hat's das Murmelthier gesagt -- fuhr der Hutmacher
fort, indem er sich ngstlich umsah, ob es auch lugnen wrde; aber das
Murmelthier lugnete nichts, denn es war fest eingeschlafen. Dann,
sprach der Hutmacher weiter, schnitt ich noch etwas Butterbrot --

Aber _was_ hat das Murmelthier gesagt? fragte einer der Geschwornen.

Das ist mir ganz entfallen, sagte der Hutmacher.

Aber es _mu_ dir wieder einfallen, sagte der Knig, sonst lasse ich
dich kpfen.

Der unglckliche Hutmacher lie Tasse und Butterbrot fallen und lie
sich auf ein Knie nieder. Ich bin ein armseliger Mann, Eure Majestt,
fing er an.

Du bist ein _sehr_ armseliger Redner, sagte der Knig.

Hier klatschte eins der Meerschweinchen Beifall, was sofort von den
Gerichtsdienern unterdrckt wurde. (Da dies ein etwas schweres Wort ist,
so will ich beschreiben, wie es gemacht wurde. Es war ein groer
Leinwandsack bei der Hand, mit Schnren zum Zusammenziehen: da hinein
wurde das Meerschweinchen gesteckt, den Kopf nach unten, und dann saen
sie darauf.)

Es ist mir lieb, da ich das gesehen habe, dachte Alice, ich habe so
oft in der Zeitung am Ende eines Verhrs gelesen: 'Das Publikum fing an,
Beifall zu klatschen, was aber sofort von den Gerichtsdienern
unterdrckt wurde,' und ich konnte bis jetzt nie verstehen, was es
bedeutete.

Wenn dies Alles ist, was du zu sagen weit, so kannst du abtreten,
fuhr der Knig fort.

Ich kann nichts mehr abtreten, sagte der Hutmacher: ich stehe so
schon auf den Strmpfen.

Dann kannst du _abwarten_, bis du wieder gefragt wirst, erwiederte der
Knig.

Hier klatschte das zweite Meerschweinchen und wurde unterdrckt.

Ha, nun sind die Meerschweinchen besorgt, dachte Alice, nun wird es
besser vorwrts gehen.

[Illustration]

Ich mchte lieber zu meinem Thee zurckgehen, sagte der Hutmacher mit
einem ngstlichen Blicke auf die Knigin, welche die Liste der Snger
durchlas.

Du kannst gehen, sagte der Knig, worauf der Hutmacher eilig den
Gerichtssaal verlie, ohne sich einmal Zeit zu nehmen, seine Schuhe
anzuziehen.

-- und drauen schneidet ihm doch den Kopf ab, fgte die Knigin zu
einem der Beamten gewandt hinzu; aber der Hutmacher war nicht mehr zu
sehen, als der Beamte die Thr erreichte.

Ruft den nchsten Zeugen! sagte der Knig.

Der nchste Zeuge war die Kchin der Herzogin. Sie trug die
Pfefferbchse in der Hand, und Alice errieth, schon ehe sie in den Saal
trat, wer es sei, weil alle Leute in der Nhe der Thr mit einem Male
anfingen zu niesen.

Gieb deine Aussage, sagte der Knig.

Ne! antwortete die Kchin.

Der Knig sah ngstlich das weie Kaninchen an, welches leise sprach:
Eure Majestt mssen diesen Zeugen einem Kreuzverhr unterwerfen.

Wohl, wenn ich mu, mu ich, sagte der Knig trbsinnig, und nachdem
er die Arme gekreuzt und die Augenbraunen so fest zusammengezogen hatte,
da seine Augen kaum mehr zu sehen waren, sagte er mit tiefer Stimme:
Wovon macht man kleine Kuchen?

Pfeffer, hauptschlich, sagte die Kchin.

Syrup, sagte eine schlfrige Stimme hinter ihr.

Nehmt dieses Murmelthier fest! heulte die Knigin. Kpft dieses
Murmelthier! Schafft dieses Murmelthier aus dem Saale! Unterdrckt es!
Kneift es! Brennt ihm den Bart ab!

Einige Minuten lang war das ganze Gericht in Bewegung, um das
Murmelthier fortzuschaffen; und als endlich Alles wieder zur Ruhe
gekommen war, war die Kchin verschwunden.

Schadet nichts! sagte der Knig und sah aus, als falle ihm ein Stein
vom Herzen. Ruft den nchsten Zeugen. Und zu der Knigin gewandt,
fgte er leise hinzu: Wirklich, meine Liebe, du mut das nchste
Kreuzverhr bernehmen, meine Arme sind schon ganz lahm.

Alice beobachtete das weie Kaninchen, das die Liste durchsuchte, da sie
sehr neugierig war, wer wohl der nchste Zeuge sein mchte, -- denn sie
haben noch nicht viel Beweise, sagte sie fr sich. Denkt euch ihre
Ueberraschung, als das weie Kaninchen mit seiner hchsten Kopfstimme
vorlas: Alice!




Zwlftes Kapitel.

Alice ist die Klgste.


Hier! rief Alice, in der augenblicklichen Erregung ganz vergessend,
wie sehr sie die letzten Minuten gewachsen war; sie sprang in solcher
Eile auf, da sie mit ihrem Rock das Pult vor sich umstie, so da alle
Geschworne auf die Kpfe der darunter sitzenden Versammlung fielen. Da
lagen sie unbehlflich umher und erinnerten sie sehr an ein Glas mit
Goldfischen, das sie die Woche vorher aus Versehen umgestoen hatte.

Oh, ich _bitte_ um Verzeihung, rief sie mit sehr bestrztem Tone, und
fing an, sie so schnell wie mglich aufzunehmen; denn der Unfall mit den
Goldfischen lag ihr noch im Sinne, und sie hatte eine unbestimmte Art
Vorstellung, als ob sie gleich gesammelt und wieder in ihr Pult gethan
werden mten, sonst wrden sie sterben.

[Illustration]

Das Verhr kann nicht fortgesetzt werden, sagte der Knig sehr ernst,
bis alle Geschworne wieder an ihrem rechten Platze sind -- _alle_,
wiederholte er mit groem Nachdrucke, und sah dabei Alice fest an.

Alice sah sich nach dem Pulte um und bemerkte, da sie in der Eile die
Eidechse kopfunten hineingestellt hatte, und das arme kleine Ding
bewegte den Schwanz trbselig hin und her, da es sich brigens nicht
rhren konnte. Sie zog es schnell wieder heraus und stellte es richtig
hinein. Es hat zwar nichts zu bedeuten, sagte sie fr sich, ich
glaube, es wrde fr das Verhr ganz eben so ntzlich sein kopfoben wie
kopfunten.

Sobald sich die Geschwornen etwas von dem Schreck erholt hatten,
umgeworfen worden zu sein, und nachdem ihre Tafeln und Tafelsteine
gefunden und ihnen zurckgegeben worden waren, machten sie sich eifrig
daran, die Geschichte ihres Unfalles aufzuschreiben, alle auer der
Eidechse, welche zu angegriffen war, um etwas zu thun; sie sa nur mit
offnem Maule da und starrte die Saaldecke an.

Was weit du von dieser Angelegenheit? fragte der Knig Alice.

Nichts! sagte Alice.

Durchaus nichts? drang der Knig in sie.

Durchaus nichts! sagte Alice.

Da ist sehr wichtig, sagte der Knig, indem er sich an die
Geschwornen wandte. Sie wollten dies eben auf ihre Tafeln schreiben,
als das weie Kaninchen ihn unterbrach. Unwichtig, meinten Eure
Majestt natrlich! sagte es in sehr ehrfurchtsvollem Tone, wobei es
ihn aber mit Stirnrunzeln und verdrielichem Gesichte ansah.

_Un_wichtig, natrlich, meinte ich, besttigte der Knig eilig, und fuhr
mit halblauter Stimme fr sich fort: wichtig -- unwichtig -- unwichtig
-- wichtig -- als ob er versuchte, welches Wort am besten klnge.

Einige der Geschwornen schrieben auf wichtig, und einige unwichtig.
Alice konnte dies sehen, da sie nahe genug war, um ihre Tafeln zu
berblicken; aber es kommt nicht das Geringste darauf an, dachte sie
bei sich.

In diesem Augenblick rief der Knig, der eifrig in seinem Notizbuch
geschrieben hatte, pltzlich aus: Still! und las dann aus seinem Buche
vor: Zweiundvierzigstes Gesetz. _Alle Personen, die mehr als eine Meile
hoch sind, haben den Gerichtshof zu verlassen_.

Alle sahen Alice an.

Ich _bin_ keine Meile gro, sagte Alice.

Das bist du wohl, sagte der Knig.

Beinahe zwei Meilen gro, fgte die Knigin hinzu.

Auf jeden Fall werde ich nicht fortgehen, sagte Alice, brigens ist
das kein regelmiges Gesetz; Sie haben es sich eben erst ausgedacht.

Es ist das lteste Gesetz in dem Buche, sagte der Knig.

Dann mte es Nummer Eins sein, sagte Alice.

Der Knig erbleichte und machte sein Notizbuch schnell zu. Gebt euer
Urtheil ab! sagte er leise und mit zitternder Stimme zu den
Geschwornen.

Majestt halten zu Gnaden, es sind noch mehr Beweise aufzunehmen,
sagte das weie Kaninchen, indem es eilig aufsprang; dieses Papier ist
soeben gefunden worden.

Was enthlt es? fragte die Knigin.

Ich habe es noch nicht geffnet, sagte das weie Kaninchen, aber es
scheint ein Brief von dem Gefangenen an -- an Jemand zu sein.

Ja, das wird es wohl sein, sagte der Knig, wenn es nicht an Niemand
ist, was, wie bekannt nicht oft vorkommt.

An wen ist es adressirt? fragte einer der Geschwornen.

Es ist gar nicht adressirt, sagte das weie Kaninchen; berhaupt
steht auf der _Auenseite_ gar nichts. Es faltete bei diesen Worten das
Papier auseinander und sprach weiter: Es ist brigens gar kein Brief,
es sind Verse.

Sind sie in der Handschrift des Gefangenen? fragte ein anderer
Geschworner.

Nein, das sind sie nicht, sagte das weie Kaninchen, und das ist das
Merkwrdigste dabei. (Die Geschwornen sahen alle ganz verdutzt aus.)

Er mu eines Andern Handschrift nachgeahmt haben, sagte der Knig.
(Die Gesichter der Geschwornen klrten sich auf.)

Eure Majestt halten zu Gnaden, sagte der Bube, ich habe es nicht
geschrieben, und Niemand kann beweisen, da ich es geschrieben haben, es
ist keine Unterschrift darunter.

Wenn du es nicht unterschrieben hast, sagte der Knig, so macht das
die Sache nur schlimmer. Du mut schlechte Absichten dabei gehabt haben,
sonst httest du wie ein ehrlicher Mann deinen Namen darunter gesetzt.

Hierauf folgte allgemeines Beifallklatschen; es war der erste wirklich
kluge Ausspruch, den der Knig an dem Tage gethan hatte.

Das _beweist_ seine Schuld, sagte die Knigin.

Es beweist durchaus gar nichts! sagte Alice, Ihr wit ja noch nicht
einmal, worber die Verse sind!

Lies sie! sagte der Knig.

Das weie Kaninchen setzte seine Brille auf. Wo befehlen Eure Majestt,
da ich anfangen soll? fragte es.

Fange beim Anfang an, sagte der Knig ernsthaft, und lies bis du an's
Ende kommst, dann halte an.

Dies waren die Verse, welche das weie Kaninchen vorlas: --

    Ich hre ja du warst bei ihr,
    Und da er mir es gnnt;
    Sie sprach, sie hielte viel von mir,
    Wenn ich nur schwimmen knnt'!

    Er schrieb an sie, ich ginge nicht
    (Nur wuten wir es gleich):
    Wenn ihr viel an der Sache liegt,
    Was wrde dann aus euch?

    Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei,
    Ihr gabt uns drei Mal vier;
    Jetzt sind sie hier, er steht dabei;
    Doch alle gehrten erst mir.

    Wrd' ich und sie vielleicht darein
    Verwickelt und verfahren,
    Vertraut er dir, sie zu befrei'n,
    Gerade wie wir waren.

    Ich dachte schon in meinem Sinn,
    Eh' sie den Anfall htt',
    Ihr wr't derjenige, der ihn,
    Es und uns hindertet.

    Sag' ihm um keinen Preis, da ihr
    Die Andern lieber war'n;
    Denn keine Seele auer dir
    Und mir darf dies erfahr'n.

Das ist das wichtigste Beweisstck, das wir bis jetzt gehrt haben,
sagte der Knig, indem er sich die Hnde rieb; lat also die
Geschwornen --

Wenn es Einer von ihnen erklren kann, sagte Alice (sie war die
letzten Paar Minuten so sehr gewachsen, da sie sich gar nicht
frchtete, ihn zu unterbrechen), so will ich ihm sechs Dreier schenken.
Ich finde, da auch keine Spur von Sinn darin ist.

Die Geschwornen schrieben Alle auf ihre Tafeln: Sie findet, da auch
keine Spur von Sinn darin ist; aber keiner von ihnen versuchte, das
Schriftstck zu erklren.

Wenn kein Sinn darin ist, sagte der Knig, das spart uns ja ungeheuer
viel Arbeit; dann haben wir nicht nthig, ihn zu suchen. Und dennoch
wei ich nicht, fuhr er fort, indem er das Papier auf dem Knie
ausbreitete und es prfend beugelte, es kommt mir vor, als knnte ich
etwas Sinn darin finden. '-- wenn ich nur schwimmen knnt'!' du kannst
nicht schwimmen, nicht wahr? wandte er sich an den Buben.

Der Bube schttelte traurig das Haupt. Seh' ich etwa danach aus? (was
freilich nicht der Fall war, da er gnzlich aus Papier bestand.)

Das trifft zu, so weit, sagte der Knig und fuhr fort, die Verse leise
durchzulesen. 'Nur wuten wir es gleich' -- das sind die Geschwornen,
natrlich -- 'Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei --' ja wohl, so hat
er's mit den Kuchen gemacht, versteht sich --

Aber es geht weiter: 'Jetzt sind sie hier,' sagte Alice.

Freilich, da sind sie ja! er steht dabei! sagte der Knig triumphirend
und wies dabei nach den Kuchen auf dem Tische und nach dem Buben;
nichts kann klarer sein. Dann wieder -- 'Eh sie den Anfall htt'' -- du
hast nie einen Anfall gehabt, Liebe, glaube ich, sagte er zu der
Knigin.

[Illustration]

Niemals, rief die Knigin wthend und warf dabei der Eidechse ein
Tintenfa an den Kopf. (Der unglckliche kleine Wabbel hatte aufgehrt,
mit dem Finger auf seiner Tafel zu schreiben, da er merkte, da es keine
Spuren hinterlie; doch nun fing er eilig wieder an, indem er die Tinte
benutzte, die von seinem Gesichte herabtrufelte, so lange dies
vorhielt.)

Dann ist dies nicht dein _Fall_, sagte der Knig und blickte lchelnd in
dem ganzen Saale herum. Alles blieb todtenstill.

-- 's ist ja 'n Witz! fgte der Knig in rgerlichem Tone hinzu --
sogleich lachte Jedermann. Die Geschwornen sollen ihren Ausspruch
thun, sagte der Knig wohl zum zwanzigsten Male.

Nein, nein! sagte die Knigin. Erst das Urtheil, der Ausspruch der
Geschwornen nachher.

Dummer Unsinn! sagte Alice laut. Was fr ein Einfall, erst das
Urtheil haben zu wollen!

Halt den Mund! sagte die Knigin, indem sie purpurroth wurde.

Ich will nicht! sagte Alice.

Schlagt ihr den Kopf ab! brllte die Knigin so laut sie konnte.
Niemand rhrte sich.

Wer fragt nach euch? sagte Alice (unterdessen hatte sie ihre volle
Gre erreicht). Ihr seid nichts weiter als ein Spiel Karten!

[Illustration]

Bei diesen Worten erhob sich das ganze Spiel in die Luft und flog auf
sie herab; sie schrie auf, halb vor Furcht, halb vor Aerger, versuchte
sie sich abzuwehren und merkte, da sie am Ufer lag, den Kopf auf dem
Schoe ihrer Schwester, welche leise einige welke Bltter fortnahm, die
ihr von den Bumen herunter auf's Gesicht gefallen waren.

Wach auf, liebe Alice! sagte ihre Schwester; du hast mal lange
geschlafen!

O, und ich habe einen so merkwrdigen Traum gehabt! sagte Alice, und
sie erzhlte ihrer Schwester, so gut sie sich errinnern konnte, alle die
seltsamen Abenteuer, welche ihr eben gelesen habt. Als sie fertig war,
gab ihre Schwester ihr einen Ku und sagte: Es _war_ ein sonderbarer
Traum, das ist gewi; aber nun lauf hinein zum Thee, es wird spt. Da
stand Alice auf und rannte fort, und dachte dabei, und zwar mit Recht,
da es doch ein wunderschner Traum gewesen sei.

       *       *       *       *       *

Aber ihre Schwester blieb sitzen, wie sie sie verlassen hatte, den Kopf
auf die Hand gesttzt, blickte in die untergehende Sonne und dachte an
die kleine Alice und ihre wunderbaren Abenteuer, bis auch sie auf ihre
Weise zu trumen anfing, und dies war ihr Traum:

Zuerst trumte sie von der kleinen Alice selbst: wieder sah sie die
kleinen Hndchen zusammengefaltet auf ihrem Knie, und die klaren
sprechenden Augen, die zu ihr aufblickten -- sie konnte selbst den Ton
ihrer Stimme hren und das komische Zurckwerfen des kleinen Kpfchens
sehen, womit sie die einzelnen Haare abschttelte, die ihr immer wieder
in die Augen kamen -- und jemehr sie zuhrte oder zuzuhren meinte, desto
mehr belebte sich der ganze Platz um sie herum mit den seltsamen
Geschpfen aus ihrer kleinen Schwester Traum.

Das lange Gras zu ihren Fen rauschte, da das weie Kaninchen
vorbeihuschte -- die erschrockene Maus pltscherte durch den nahen Teich
-- sie konnte das Klappern der Theetassen hren, wo der Faselhase und
seine Freunde ihre immerwhrende Mahlzeit hielten, und die gellende
Stimme der Knigin, die ihre unglcklichen Gste zur Hinrichtung
abschickte -- wieder nieste das Ferkel-Kind auf dem Schoe der Herzogin,
whrend Pfannen und Schsseln rund herum in Scherben brachen -- wieder
erfllten der Schrei des Greifen, das Quieken von dem Tafelstein der
Eidechse und das Sthnen des unterdrckten Meerschweinchens die Luft und
vermischten sich mit dem Schluchzen der unglcklichen falschen
Schildkrte in der Entfernung.

So sa sie da, mit geschlossenen Augen, und glaubte fast, sie sei im
Wunderlande, obgleich sie ja wute, da sobald sie die Augen ffnete,
Alles wieder zur alltglichen Wirklichkeit werden wrde; das Gras wrde
dann nur im Winde rauschen, der Teich mit seinem Rieseln das Wogen des
Rohres begleiten; das Klappern der Theetassen wrde sich in klingende
Heerdenglocken verwandeln und die gellende Stimme der Knigin in die
Rufe des Hirtenknaben -- und das Niesen des Kindes, das Geschrei des
Greifen und all die andern auerordentlichen Tne wrden sich (das wute
sie) in das verworrene Getse des geschftigen Gutshofes verwandeln --
whrend sie statt des schwermthigen Schluchzens der falschen
Schildkrte in der Ferne das wohlbekannte Brllen des Rindviehes hren
wrde.

Endlich malte sie sich aus, wie ihre kleine Schwester Alice in spterer
Zeit selbst erwachsen sein werde; und wie sie durch alle reiferen Jahre
hindurch das einfache liebevolle Herz ihrer Kindheit bewahren, und wie
sie andere kleine Kinder um sich versammeln und _deren_ Blicke neugierig
und gespannt machen werde mit manch einer wunderbaren Erzhlung,
vielleicht sogar mit dem Traume vom Wunderlande aus alten Zeiten; und
wie sie alle ihre kleinen Sorgen nachfhlen, sich ber alle ihre kleinen
Freuden mitfreuen werde in der Erinnerung an ihr eigenes Kindesleben und
die glcklichen Sommertage.





End of Project Gutenberg's Alice's Abenteuer im Wunderland, by Lewis Carroll

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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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